Robert Eisenstädt (1919 - 1996)

Robert Eisenstädt wird 1919 in Frankfurt am Main als viertes Kind jüdischer Eltern geboren. Seine älteren Geschwister sind im elsässischen Straßburg auf die Welt gekommen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Familie wie andere Deutsche aus dem Elsass, das nach dem Versailler Vertrag wieder zu Frankreich gehörte, ausgewiesen. Um 1920 lassen sich Eisenstädts in Hanau nieder, wo zwei weitere Geschwister geboren werden. Der Vater findet eine Arbeitsstelle als kaufmännischer Angestellter. Die Lebensverhältnisse der achtköpfigen Familie sind sehr bescheiden. Nach Abschluss der Volksschule absolviert Robert Eisenstädt eine technische Lehre in einer Hanauer Gummischuhfabrik. Nach dem Tod des Vaters Ende 1936 bringt die Mutter die Familie mit Hilfe der älteren Geschwister mühsam durch.

1938 wird die Gummischuhfabrik „arisiert“, Robert Eisenstädt verliert wie alle jüdischen Angestellten seinen Arbeitsplatz. Sein Versuch, mit dem Fahrrad über die holländische Grenze zu entkommen, scheitert, und er wird nach Hanau zurückgeschickt. Am Tag nach dem Novemberpogrom 1938 besucht Robert Eisenstädt zwei Freunde in Frankfurt. Die jungen Leute werden festgenommen und zusammen mit zahlreichen jüdischen Männern aus Frankfurt in das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar transportiert. Nach qualvollen Wochen wird Robert Eisenstädt nach Hause entlassen. Seine Mutter versucht, für ihn und seine älteste Schwester Herta über Verwandte eine Fluchtmöglichkeit in die USA zu bekommen. Herta kann emigrieren, ihr Bruder bekommt kein Visum.

1939 werden Robert und sein zwei Jahre älterer Bruder Willi Eisenstädt zum Straßenbau zwangsverpflichtet, dann von Dezember 1940 bis April 1942 in einer Matratzenfabrik in Frankfurt. Dort verliebt er sich in die jüdische Zwangsarbeiterin Eva Müller und verlobt sich mit ihr.

Nach den schlimmen Erlebnissen in Buchenwald will Robert Eisenstädt unter keinen Umständen erneut in ein KZ verschleppt werden. Sein Versuch, im Frühjahr 1942 unterzutauchen, scheitert jedoch. Am 30. Mai 1942 wird der kaum 23-Jährige von Hanau aus deportiert – zusammen mit seiner Mutter Henriette, seiner Schwester Marta und deren vierjährigen Sohn, sowie mit den Geschwistern Willi, Rosa und dem noch minderjährigen Bruder Heinrich. Die Mutter ist froh, dass ihre Kinder sie auf der Fahrt ins Ungewisse begleiten. Zunächst gelangt die Familie nach Kassel ins Sammellager; von dort führt der Transport ins KZ Majdanek bei Lublin im deutsch besetzten Polen. Im Lager werden Robert und Willi von ihren Angehörigen getrennt und einem Arbeitskommando zugewiesen. Trotz scharfer Bewachung beschließen sie, gemeinsam zu fliehen, sobald sich eine Gelegenheit ergibt.

Am 10. Juli 1942 gelingt Robert in einem unbewachten Moment die Flucht ohne seinen Bruder. Über Radom schlägt er sich nach Breslau durch, wo er vom jüdischen Hilfskomitee Geld für die Weiterfahrt nach Frankfurt bekommt. Schwer lädiert von den Misshandlungen im KZ erreicht er die Dachstube seiner jüdischen Verlobten, wo er sich zunächst verborgen hält.

Da Eva Müller ebenfalls die Deportation droht, bittet sie Dr. Fritz Kahl um Hilfe. Ihr früherer Hausarzt sucht sie heimlich auf und behandelt Robert Eisenstädts Verletzungen aus dem KZ. Die Verlobten wollen in die Schweiz entkommen. Auf Anraten von Dr. Kahl wird Eva Müller schwanger, da sie dann von den Schweizer Behörden als Flüchtlinge vermutlich nicht zurückgewiesen würden. Zusammen mit seiner Frau Margarete und anderen Helfern plant Dr. Kahl die Flucht des Paares. Doch vorher muss sich Robert Eisenstädt an verschiedenen Orten in Hanau und Frankfurt verstecken, zuletzt auch bei Kahls.

Im Februar 1943 gelingt Eva Müller und Robert Eisenstädt die Flucht über die Schweizer Grenze. Im Juli 1943 wird ihre Tochter Maria Adina, genannt Maja, in Basel geboren. 1947 emigriert die Familie nach New York.

Biografische Literatur:
Petra Bonavita: Bockenheimer Netzwerk, in: Dies.: Mit falschem Pass und Zyankali. Retter und Gerettete aus Frankfurt am Main in der NS-Zeit, Stuttgart 2009, S. 11–27.
Beate Kosmala: Robert Eisenstädts Flucht aus dem KZ Majdanek. Über Frankfurt am Main in die Schweiz, in: Wolfgang Benz (Hrsg.): Überleben im Dritten Reich. Juden im Untergrund und ihre Helfer, München 2003,
S. 287–298.
Beate Kosmala und Revital-Ludewig-Kedmi: Rettung eines Flüchtlings aus Majdanek: Margarete und Fritz Kahl, in: Dies.: Verbotene Hilfe. Deutsche Retterinnen und Retter während des Holocaust, Zürich, Donauwörth 2003, S. 43–49.

Robert Eisenstädt
Foto: Schweizerisches Bundesarchiv

Biografien

Glossar

  • Konzentrationslager Buchenwald

    Konzentrationslager Buchenwald

    Dieses bei Weimar gelegene KZ ist eines der größten auf deutschem Boden. Zwischen 1937 und 1945 werden etwa 250.000 Menschen aus fast allen Ländern Europas in Buchenwald und den etwa 130 Außenkommandos inhaftiert. Die Zahl derjenigen, die gezielt getötet werden oder an den unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen sterben, wird auf etwa 56.000 geschätzt, darunter 11.000 Juden.

  • Novemberpogrom 1938

    Novemberpogrom 1938

    Nach dem Attentat eines 17-jährigen polnischen Juden auf einen deutschen Diplomaten in Paris initiiert Propagandaminister Joseph Goebbels im Deutschen Reich antijüdische Pogrome. Am 9. und 10.11.1938 setzen SA-Männer und NSDAP-Mitglieder hunderte Synagogen in Brand, zerstören Geschäfte und plündern Wohnungen. Über 100 Menschen werden getötet. Etwa 30.000 jüdische Männer werden in KZ eingeliefert.