Fritz Kahl (1895 - 1974)

1895 in Sterbfritz im Spessart geboren, wächst Fritz Kahl in Frankfurt am Main auf, wo sein Vater als evangelischer Geistlicher eine Pfarrstelle übernimmt. Im weltoffenen Pfarrhaus lernt der Heranwachsende jüdische Studenten kennen, die bei seinen Eltern zur Untermiete wohnen. Nach dem Abitur am humanistischen Lessing-Gymnasium wird Fritz Kahl 1914 Soldat im Ersten Weltkrieg. Danach studiert er ab 1919 in Marburg Medizin. Wie viele junge Männer, die enttäuscht aus dem Krieg zurückgekehrt sind, ist Kahl in dieser Phase für nationalsozialistische Ideen offen. Später lehnt er den Nationalsozialismus aber entschieden ab.

Um 1925 lässt sich Fritz Kahl als praktischer Arzt in Frankfurt-Bockenheim nieder. Er heiratet die ein Jahr jüngere Margarete Zimmermann, Tochter eines Amtsrichters. In den ersten Jahren lebt die junge Familie noch im Haus der Eltern Kahl. Das Ehepaar bekommt drei Söhne. 1938 bezieht Dr. Fritz Kahl mit Frau und Kindern ein stattliches Haus im Frankfurter Westend, Blanchardstraße 22, wo auch die Praxisräume untergebracht sind. Dort wird im Jahr darauf noch eine Tochter geboren.

In der Umgebung leben zahlreiche jüdische Familien. Das Arztehepaar wird zur Anlaufstelle für bedrängte jüdische Bekannte, denen vor allem Margarete Kahl mit Rat und Tat zur Seite steht. Ihren Sohn Eugen, im Jahr 1927 geboren, schickt sie immer wieder mit Lebensmitteln zu verschiedenen Adressen. Dr. Kahl lässt seine jüdischen Patientinnen und Patienten nicht im Stich, auch wenn sie inzwischen in anderen Gegenden der Stadt wohnen. Deshalb teilt ihm im Juli 1941 die Reichsärztekammer mit, dass ihm die Lebensmittelzulage für Ärzte gestrichen werde, weil er Juden behandelt habe.

Patientinnen von Dr. Kahl sind auch die beiden jüdischen Schwestern Berta und Eva Müller, die aus dem ungarischen Teil der Slowakei stammen. Nach Beginn der Deportationen aus Frankfurt sind sie als Ausländerinnen zunächst noch vor dem Abtransport geschützt. Im Herbst 1942 braucht Eva Müller aber dringend Hilfe. Sie verbirgt ihren jüdischen Verlobten Robert Eisenstädt in ihrer Frankfurter Dachstube, nachdem dieser aus dem KZ Majdanek in Polen entflohen ist. Sie muss befürchten, bald selbst deportiert zu werden. Das Paar möchte versuchen, in die Schweiz zu entkommen. Dr. Kahl besucht den Versteckten und behandelt seine Verletzungen. Er rät den Verlobten zu einer Schwangerschaft, da Eva Müller als werdende Mutter von den Schweizer Grenzbehörden wahrscheinlich nicht zurückgewiesen werde. Fritz Kahl ist mit Geistlichen der Bekennenden Kirche eng befreundet, vor allem mit Heinz Welke und Otto Fricke. Gemeinsam mit diesen entwickeln er und seine Frau für das jüdische Paar einen Fluchtplan in die Schweiz. Im Jahr zuvor hat Familie Kahl selbst einen tragischen Verlust erlitten: Die kleine Tochter ist nach einem Unfall im Haushalt gestorben. Der Fluchttermin wird für Februar 1943 festgelegt. In der Zeit davor gewähren Margarete und Fritz Kahl dem untergetauchten Eisenstädt Unterschlupf in ihrem Haus. Ende Februar 1943 erhalten sie eine Karte aus der Schweiz, der sie entnehmen können, dass die Flucht von Eva Müller und ihrem Verlobten geglückt ist.

Nach dem Krieg trennt sich Fritz Kahl von seiner Frau und geht eine neue Ehe ein. Margarete Kahl stirbt 1958 in Frankfurt am Main, Fritz Kahl 1974 in Weilheim an der Lahn. 2006 zeichnet die israelische Gedenkstätte Yad Vashem Margarete und Fritz Kahl für ihren gemeinsamen Einsatz zur Rettung verfolgter Juden als „Gerechte unter den Völkern” aus.

Biografische Literatur:
Petra Bonavita: Bockenheimer Netzwerk, in: Dies.: Mit falschem Pass und Zyankali. Retter und Gerettete aus Frankfurt am Main in der NS-Zeit, Stuttgart 2009, S. 11–27.
Beate Kosmala: Robert Eisenstädts Flucht aus dem KZ Majdanek. Über Frankfurt am Main in die Schweiz, in: Wolfgang Benz (Hrsg.): Überleben im Dritten Reich. Juden im Untergrund und ihre Helfer, München 2003,
S. 287–298.
Beate Kosmala und Revital-Ludewig-Kedmi: Rettung eines Flüchtlings aus Majdanek: Margarete und Fritz Kahl, in: Dies.: Verbotene Hilfe. Deutsche Retterinnen und Retter während des Holocaust, Zürich, Donauwörth 2003, S. 43–49.
Fritz Kahl
Foto: Privatbesitz

Biografien

Glossar

  • Bekennende Kirche

    Bekennende Kirche

    Diese innerkirchliche Opposition gegen die Gleichschaltung der Evangelischen Kirche mit dem NS-Regime wird 1934 gegründet. Sie lehnt den Ausschluss von Christen jüdischer Herkunft aus der Kirche ab. In allen Landeskirchen außer Württemberg, Bayern und Hannover kommt es zur Spaltung in regimetreue „Deutsche Christen“ und Anhänger der Bekennenden Kirche. Etliche ihrer Pfarrer werden inhaftiert.