Kurt Müller (1902 - 1958)

Der Rechtsanwalt Kurt Müller gehört seit 1930 einer Bremer Anwaltskanzlei an. Als SPD-Mitglied und NS-Gegner steht er bald unter Beobachtung der Gestapo. Im November 1935 wird er in „Schutzhaft“ genommen und kommt anschließend wegen des Verdachts „illegaler staatsfeindlicher Betätigung im marxistisch-kommunistischen Sinne" für drei Monate ins Gefängnis. Als Anwalt kann er nun nicht mehr arbeiten. Kurt Müller, der engen Kontakt zu einer Bekennenden Gemeinde in Bremen hat, entschließt sich zum Theologiestudium und geht 1938 nach Basel zu Karl Barth, einem Mitgründer der Bekennenden Kirche. Im Januar 1942 wird er in der Schweiz zum Pfarrer ordiniert. Nach Deutschland zurückgekehrt, übernimmt er noch im selben Jahr die Leitung der kleinen Reformierten Gemeinde in Stuttgart-Degerloch.

Er wird Geschäftsführer der „Kirchlich-theologischen Sozietät", einer der Bekennenden Kirche nahe stehenden Arbeitsgemeinschaft in der evangelischen Landeskirche in Württemberg. Einige ihrer Vertreter folgen der Aufforderung Karl Barths, „soviel Juden wie möglich zu retten". Gemeinsam mit Berliner Freunden, vor allem Gertrud Staewen, beginnt Müller, Verfolgten zu helfen. Mit seiner Frau Elisabeth sowie anderen Helfern in der Gemeinde und in Württemberg steht Kurt Müller mehr als einem Dutzend Juden in der „Illegalität“ bei. So ist für Max und Ines Krakauer das Stuttgarter Pfarrhaus im August 1943 die erste Anlaufstelle auf ihrer Flucht nach Württemberg.

Als der untergetauchte jüdische Grafiker Cioma Schönhaus im September 1943 mit dem Fahrrad von Berlin nach Süddeutschland flieht und plötzlich unangemeldet vor Müllers Tür steht, erhält er ebenfalls ein Nachtlager, bis er zur Schweizer Grenze aufbricht.

Zusammen mit Vikar Heinz Welke aus Frankfurt organisiert Müller Mitte 1944 die Flucht der evangelisch getauften, „nichtarischen“ Margarete Knewitz nach Norddeutschland, wo sie mit Unterbrechungen fast fünf Monate bei Elisabeth Müllers Schwester Gertrud von Marschalck nahe Hamburg untertaucht. Ende 1944 kommt Knewitz, dank eines von Müller besorgten gefälschten Passes, wieder nach Stuttgart. Dort gelingt es dem Pfarrer im Februar 1945, sie bei der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt anzumelden, damit sie Lebensmittelkarten erhält.

Gegen Ende des Krieges nehmen Kurt und Elisabeth Müller den Verleger Franz Mittelbach und dessen jüdische Frau Margarete aus Stuttgart auf und können sie „erfolgreich verbergen", wie Müller im August 1945 erleichtert seinem Lehrer Karl Barth schreibt. Auch nach dem Krieg ist Müllers Adresse unter „nichtarischen“ Christen bekannt, die von Theresienstadt nach Stuttgart zurückkehren und ihn um Hilfe bitten.

1946 wirkt Müller an einer Erklärung der Sozietät mit. Die Unterzeichner, während des Krieges an der Württemberger „Pfarrhauskette“ zur Rettung von Juden beteiligt, bekennen ihre „Schuld als Prediger und Glieder der Gemeinde Christi“. Die amerikanische Militärregierung ernennt Müller zum Lizenzträger beim Kohlhammer Verlag Stuttgart. Unter seiner Leitung wird etwa die Edition Rabbinischer Texte und der Schriften zur „Kenntnis des Judentums unter den Christen“ in Angriff genommen. Ende 1950 ins niedersächsische Kultusministerium der Regierung unter Hinrich Wilhelm Kopf (SPD) berufen, wirkt Müller als Ministerialrat mit am Loccumer Vertrag (1955), dem ersten in der Bundesrepublik geschlossenen Vertrag zwischen Kirche und Staat.

In seinen letzten Lebensjahren predigt Müller öfter in der reformierten Gemeinde Hannover und ist in der Landeskirche bekannt als einer der schärfsten Gegner der atomaren Bewaffnung.

Kurt Müller
Foto: Privatbesitz

Rettungsversuche

Glossar

  • Bekennende Kirche

    Bekennende Kirche

    Diese innerkirchliche Opposition gegen die Gleichschaltung der Evangelischen Kirche mit dem NS-Regime wird 1934 gegründet. Sie lehnt den Ausschluss von Christen jüdischer Herkunft aus der Kirche ab. In allen Landeskirchen außer Württemberg, Bayern und Hannover kommt es zur Spaltung in regimetreue „Deutsche Christen“ und Anhänger der Bekennenden Kirche. Etliche ihrer Pfarrer werden inhaftiert.

     

     

  • "Bombengeschädigte"

    "Bombengeschädigte"

    Ab 1943 verlieren immer mehr Menschen durch Luftangriffe ihre Wohnungen. Viele untergetauchte Juden versuchen diesen Umstand zu nutzen. Sie geben sich als „Bombengeschädigte“ aus und erhalten von den Behörden, die die Angaben aufgrund vernichteter Unterlagen nicht mehr überprüfen können, „arische“ Papiere oder Lebensmittelmarken. Dies verbessert die Überlebenschancen der Verfolgten deutlich.