Harald Poelchau (1903 - 1972)

Der 1903 in Potsdam geborene Harald Poelchau ist Sohn eines Pfarrers und wächst in Schlesien auf. Nach dem Abitur studiert er Theologie. Er steht den „Religiösen Sozialisten“ nahe und setzt sich für einen humanen Strafvollzug ein. 1928 heiratet er die Bibliothekarin Dorothee Ziegele. 1938 wird ihr gemeinsamer Sohn Harald geboren. Sie leben in Berlin und haben einen großen Freundeskreis, der sich auch nach der Machtergreifung bewährt. Ab 1933 arbeitet Poelchau als Seelsorger im Berliner Gefängnis Tegel. Von Beginn an gegen das NS-Regime eingestellt, sieht er mit Sorge die flächendeckende Verfolgung politischer Gegner und Juden. Ab Kriegsbeginn mehren sich die Todesurteile gegen Oppositionelle. Harald Poelchau begleitet bis 1945 ungefähr eintausend Menschen zu ihrer Hinrichtung und betreut etliche ihrer Angehörigen.

Er gehört zu den wenigen, die schon früh wissen, dass sich Juden mit dem Beginn der Deportationen im Oktober 1941 nur durch Flucht in den Untergrund retten können. Er hilft zahlreichen Untergetauchten, von denen nicht alle namentlich bekannt sind, darunter Familie Latte aus Breslau, sowie Leontine Cohn und ihre Tochter Rita, Ilse Schwarz und ihre Tochter Evelyne, die Geschwister Rita und Ralph Neumann, Ursula Reuber, Anna Drach, Edith Bruck, Charlotte Paech und Charlotte Bischoff. Sein unermüdlicher Mithelfer ist Willi Kranz, der Kantinenpächter der Gefängnisse Tegel und Plötzensee und dessen Lebensgefährtin Auguste Leißner. Wenn es um die konkrete Hilfe für untergetauchte Verfolgte geht, kann er sich auf seine Frau Dorothee, auf die ehemaligen politischen Häftlinge Hermann Sietmann und Otto Horstmeier, das Ehepaar Hans-Reinhold und Hildegard Schneider, das im Fürsorge- und Schulbereich tätig ist, die Pfarrfrau Agnes Wendland und ihre Tochter Ruth sowie die Gefängnisärztin Hilde Westrick verlassen. Der Physiker Carl-Friedrich Weiss gibt Harald Poelchau die Taufbescheinigung seiner Tochter Tina für die untergetauchte Rita Cohn. Auch Gertie Siemsen, mit der Harald Poelchau seit dem Studium in den 1920er Jahren befreundet ist, unterstützt ihn furchtlos bei seinen Hilfstätigkeiten. Sie besorgt Lebensmittel und nimmt Rita Neumann nach ihrer Flucht aus dem Gefängnis im April 1945 auf.

Familie Latte wird im Oktober 1943 von der Gestapo gefasst. Während Margarete und Manfred Latte wenige Tage später nach Auschwitz deportiert werden, gelingt Konrad Latte im November 1943 die Flucht aus dem Deportationssammellager in der Großen Hamburger Straße. Auch wenn Konrad Latte viele andere Verstecke findet, bleiben Dorothee und Harald Poelchau seine kontinuierlichen Ratgeber in allen schwierigen Situationen bis zur Befreiung. Im Herbst 1943 bringt Harald Poelchau die Untergetauchte Anna Drach bei seiner Tante Charlotte Poelchau unter, die mit dem Arzt Dr. Gustav Poelchau verheiratet ist.

Im Mai 1942 nimmt Harald Poelchau an der Tagung der Widerstandsgruppe „ Kreisauer Kreis“ teil und betreut viele seiner Mitstreiter nach deren Verhaftung 1944 in verschiedenen Berliner Gefängnissen. Seine vielfältigen oppositionellen Tätigkeiten bleiben von der Gestapo unentdeckt.

1971 wird er von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet.

Biografische Literatur:
Harald Poelchau: Die Ordnung der Bedrängten. Erinnerungen des Gefängnisseelsorgers und Sozialpfarrers, Teetz 2004.
Klaus Harpprecht: Harald Poelchau. Ein Leben im Widerstand, Reinbek 2004.
Henriette Schuppener: „Nichts war umsonst“ – Harald Poelchau und der deutsche Widerstand, Berlin 2006.
Harald Poelchau
Foto: Institut für Zeitgeschichte

Biografien

Rettungsversuche

Glossar

  • Kreisauer Kreis

    Kreisauer Kreis

    Ab 1940 sammeln Helmuth James Graf von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg Regimegegner unterschiedlicher gesellschaftlicher Herkunft und geistiger Traditionen um sich, um Neuordnungspläne für ein nach-nationalsozialistisches Deutschland zu entwerfen. Später zum Teil am Umsturzversuch des 20. Juli 1944 beteiligt, wird der Widerstandskreis gnadenlos verfolgt.