Georg Steffen (1891 - 1946)

Der Landwirt Georg Steffen wird 1891 in Kagar bei Rheinsberg geboren. Seine hugenottischen Vorfahren, protestantische Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, haben sich 1686 in diesem brandenburgischen Dorf angesiedelt. Seitdem ist das Amt des Dorfschulzen in der Hand der Etiennes, die sich später Steffen nennen. Auch Georg Steffen ist Dorfbürgermeister von Kagar. 1919 heiratet er die fünf Jahre jüngere Elise Thimm, die aus einem frommen evangelischen Elternhaus im nahe gelegenen Zühlen stammt. Das Paar hat zwei Söhne, 1920 und 1928 geboren. Georg Steffen betreibt außer der Landwirtschaft zusammen mit seiner Frau auch einen Gasthof mit Pension. Er ist bürgerlich-konservativ eingestellt. Obwohl er den Nationalsozialismus ablehnt, tritt Steffen 1933 in die NSDAP ein, weil er glaubt, auf diese Art sein Bürgermeisteramt behalten und das Dorf vor dem Zugriff wirklicher Nazis schützen zu können.

Während des Zweiten Weltkriegs sind Männer und Frauen aus Polen und der Ukraine in der Steffen’schen Landwirtschaft eingesetzt. Georg und Elise Steffen behandeln diese Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter menschlich. Dies führt dazu, dass die NSDAP-Ortsgruppe des Nachbardorfs das Ehepaar in scharfem Ton auffordert, die „Ostarbeiter“ strenger zu halten.

Durch den früheren sozialdemokratischen Journalisten Alois Florath, der bis zu seinem Tod 1944 in Kagar zurückgezogen lebt, gelangt auch die untergetauchte Jüdin Susanne Meyer erstmals im Sommer 1943 in Steffens Gasthof, wo sie sich als Charlotte Klose vorstellt. Elise Steffen errät, in welcher Situation sich die Frau wirklich befindet. Susanne Meyer findet bis April 1945 immer wieder Zuflucht bei Steffens.

Einige Wochen nach Kriegsende, als Susanne Meyer Kagar längst verlassen hat, wird Georg Steffen seine NSDAP-Zugehörigkeit als Ortsbauernführer zum Verhängnis. Er behält zunächst sein Amt als Bürgermeister, wird aber wenig später von den Sowjets festgenommen und in Lagern interniert. Der offizielle Haftgrund lautet „illegaler Waffenbesitz“. Die Vermutung liegt nahe, dass Steffen von missgünstigen Personen denunziert worden ist. Er wird zunächst im sowjetischen Speziallager Ketschendorf interniert und von dort am 16. April 1946 in das Lager Jamlitz bei Lieberose verlegt. Elise Steffen kämpft um die Freilassung ihres Mannes. Einmal kann sie ihn noch besuchen. Sie reicht ein Gnadengesuch ein, das ihn aber nicht mehr retten kann. Georg Steffen stirbt im Juni 1946 im Lager an Hunger und Entkräftung.

Eine offizielle Würdigung seiner Menschlichkeit in einer Zeit, als es dafür besonderen Mutes bedurfte, hat es nie gegeben. Elise Steffen stirbt 1973 in Kagar.

Biografische Literatur:
Beate Kosmala: Zuflucht für Verfolgte: Kagar bei Rheinsberg, in: Peter Böthig und Stefanie Oswald (Hrsg.): Juden in Rheinsberg. Eine Spurensuche, Karwe 2005, S. 163–170.
Georg Steffen
Foto: Privatbesitz

Rettungsversuche

Glossar

  • NSDAP

    NSDAP

    1920 verkündet Adolf Hitler in München das antidemokratische und rassistische Programm der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (1919 als Deutsche Arbeiterpartei gegründet). Politische Bedeutung erlangt die vom „Führer“ autoritär organisierte NSDAP in der Wirtschafts- und Staatskrise um 1930. Nach 1933 ist sie einzige Partei. Bis 1945 werden 8,5 Mio. Deutsche „Parteigenossen“.