Am Ort des Massenmords 

Im Juli 1941 kommt der kaum 28-jährige Berthold Beitz nach Borysław im deutsch besetzten Ostgalizien, um die Verantwortung für die wichtigsten Ölquellen des Unternehmens Beskiden-Erdöl (später Karpathen-Öl AG) zu übernehmen. Als Experte für die als kriegswichtig eingestufte Verwaltung der ostgalizischen Erdölfelder wird er vom Kriegsdienst freigestellt.

Die Stadt Borysław mit ihrem „Naphtharevier“ hat von 1918 bis 1939 zu Polen gehört, bis zum 22. Juni 1941 ist sie sowjetisch besetzt gewesen. Von den rund 40.000 Einwohnern, meist in der Erdölindustrie beschäftigt, sind etwa 18.000 Juden, die anderen Polen und Ukrainer.

Fassungslos erlebt der kaufmännische Leiter dort, wie unter der deutschen Besatzung Juden bei Massenerschießungen getötet oder seit Frühjahr 1942 deportiert werden. Spontan beschließt Berthold Beitz, möglichst viele seiner jüdischen Zwangsarbeiter der Karpathen-Öl AG vor Erschießungen und Transporten nach Bełżec zu bewahren. Anfangs ist aber noch nicht bekannt, dass es sich dabei um ein Vernichtungslager handelt.

Auch Else Beitz, die ihrem Mann zusammen mit der einjährigen Tochter Barbara nach Borysław folgt, ist erschüttert über die brutale Verfolgung der Juden vor ihren Augen. Sie ist in dieser Zeit die einzige Verbündete ihres Mannes. Oft sitzen Juden auf der Treppe ihres Wohnhauses und bitten um Hilfe. Mehrmals verstecken Else und Berthold Beitz Verfolgte, darunter auch Kinder, in ihrem Haus, wenn Razzien drohen.

Beitz gelingt es immer wieder, seine Arbeitskräfte, aber auch andere Menschen aus den Todeszügen herauszuholen, die vom März bis Dezember 1942 in das Vernichtungslager Bełżec fahren. Durch sein selbstbewusstes, festes Auftreten setzt sich Beitz bei der SS durch. Als dem Jugendlichen Zygmunt Spiegler im Oktober 1942 der Verlust seines Arbeitsplatzes in der Werksküche des Zwangsarbeitslagers droht, kommt das einem Todesurteil gleich: Er würde auch das lebenswichtige „R“-Abzeichen verlieren, das „Rüstungsarbeiter“ vorläufig vor der Deportation schützt. Beitz versetzt den 16-Jährigen zum Schein in die „Häuserverwaltung und Bauabteilung“. Dadurch behält der junge Mann seinen Status als Rüstungsarbeiter und kann dennoch weiter in der Küche bleiben. Beitz hat ihn zuvor schon zweimal aus einem Transport zurückgeholt. Er überlebt.

Auch seinen jüdischen Buchhalter Josef Hirsch, dessen Frau Marie und achtjährigen Sohn kann Beitz vor Mordaktionen schützen. Am Vortag einer Großrazzia in Borysław Anfang August 1942 verzichtet er auf Hirschs Bitte auf eine geplante Reise. Er bleibt vor Ort und versteckt seine jüdischen Mitarbeiter in einem abgeschlossenen Raum. 1947 schreibt Hirsch: „Ich sehe in Herrn Berthold Beitz den Retter meines, sowie auch meiner Frau und meines Kindes Lebens.“

Mehrfach wird der aufrechte Mann denunziert, einmal beinahe verhaftet. Als er im April 1944 zur Wehrmacht eingezogen wird, rät Beitz den Juden zur Flucht in die Wälder, um die Zeit bis zur Ankunft der Roten Armee zu überstehen. Mindestens hundert Menschen haben dank seiner Rettungsinitiativen überlebt.

1973 wird Berthold Beitz von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet. 2006 erhält auch Else Beitz diesen Ehrentitel.

Literatur:
Thomas Sandkühler: „Endlösung“ in Galizien. Der Judenmord in Ostpolen und die Rettungsinitiative von Berthold Beitz 1941–1944, Bonn 1996.
Bernd Schmalhausen: Berthold Beitz im Dritten Reich. Mensch in unmenschlicher Zeit, Essen 1991.