Europäische Union 

Der Chemikophysiker Dr. Robert Havemann ist seit 1933 mit Dr. Georg Groscurth befreundet, dem späteren Oberarzt am Robert-Koch-Krankenhaus in Berlin-Moabit. Beide sind von Anfang an Gegner des Nationalsozialismus. Am 15. Juli 1943 gründen sie zusammen mit Paul Rentsch und Herbert Richter in Berlin die Widerstandsgruppe „Europäische Union“. Ihr langfristiges Ziel ist eine „sozialistische Gesellschaftsordnung in einem geeinten Europa“. Bereits seit 1942 helfen sie auch Juden bei der Flucht vor der Deportation. Havemann besorgt Quartiere und beschafft falsche Papiere. Als Heinz Günther Wolff mit seiner Mutter im Januar 1943 untertaucht, vermitteln Havemann und Groscurth beiden ein Versteck in Schönwalde bei Hanna Stappenbeck.

Im Frühjahr 1943 sucht der jüdische Kaufmann Walter Caro, der „illegal“ lebt, die Sprechstunde seines früheren Arztes Groscurth auf und bietet gefälschte Wehrmachtspapiere und andere Dokumente an, die der Arzt Untergetauchten zur Verfügung stellt. Im Sommer 1943 bittet der Frankfurter Werbegrafiker Walter von Scheven Berliner Freunde um Hilfe für seine jüdische Ehefrau Elisabeth, da in Frankfurt am Main auch in „Mischehe“ lebende Juden deportiert werden. Groscurth und seine Frau, die Ärztin Dr. Anneliese Groscurth, Eltern von zwei Söhnen im Alter von zwei Jahren und zwei Monaten, nehmen die Frankfurterin bei sich in Charlottenburg auf.

Auch der Dentist Paul Rentsch und seine Frau Margarete, die ebenfalls zwei kleine Kinder haben, helfen. Rentsch beschafft für die jüdische Witwe Hertha Brasch falsche Papiere, mit denen sie sieben Monate bei einer Schneiderin in Berlin-Weißensee untertaucht. Auch Rentschs nehmen Elisabeth von Scheven in ihrem Ferienhaus im brandenburgischen Diensdorf auf. Der Architekt Herbert Richter, Vater eines zweijährigen Jungen, beherbergt das untergetauchte Ehepaar Alfred und Marie Michalowitz.

Gleichzeitig stehen Mitglieder der Widerstandsgruppe „Europäische Union“ in Kontakt mit Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen. Doch nach kurzer Zeit wird die Gruppe entdeckt. Anfang September 1943 werden Havemann, das Ehepaar Groscurth sowie Richter und seine Frau Maria festgenommen. Bei der Festnahme von Paul und Margarete Rentsch in Diensdorf wird auch Elisabeth von Scheven entdeckt.

Da den Ehefrauen keine politische Betätigung nachgewiesen wird, können sie im Dezember 1943 zu ihren Kindern zurückkehren. Georg Groscurth, Paul Rentsch und Herbert Richter werden am 8. Mai 1944 im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet. In seinem letzten Brief an seine Frau schreibt Groscurth: „Denke daran, daß wir für eine bessere Zukunft sterben, für ein Leben ohne Menschenhaß [...] ich sterbe stolz und ungebrochen.“

Robert Havemann, ebenfalls zum Tode verurteilt, bekommt durch Freunde einen Auftrag für angeblich kriegswichtige Forschung und überlebt im Zuchthaus.

Hertha Brasch, Agnes Wolff und ihr Sohn Heinz Günther werden Anfang 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Walter Caro stirbt im März 1945 in Auschwitz, zwei Monate nach der Befreiung. Elisabeth von Scheven überlebt das Konzentrationslager Auschwitz, als einzige derjenigen, die von der Europäischen Union unterstützt wurden.

2005 ehrt die israelische Gedenkstätte Yad Vashem Anneliese und Georg Groscurth, Robert Havemann, Paul Rentsch und Herbert Richter als „Gerechte unter den Völkern“.

Literatur:
Bernd Florath: Die Europäische Union, in: Johannes Tuchel (Hrsg.): „Der vergessene Widerstand“ – Zu Realgeschichte und Wahrnehmung von Opposition und Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Göttingen 2005, S. 114 –139.
Hans-Rainer Sandvoß: Die „andere“ Reichshauptstadt. Widerstand aus der Arbeiterbewegung in Berlin 1933 bis 1945, Berlin 2007, S. 241–254.