Fluchtziel Schweiz 

Die 1885 geborene Luise Meier aus Berlin-Grunewald nimmt Anteil an der Notlage ihrer jüdischen Nachbarn, die aus Deutschland zu fliehen versuchen. Die gläubige Katholikin lehnt das Regime ab und sucht nach Möglichkeiten, den Bedrohten zu helfen. Sie versteckt ein jüdisches Ehepaar zeitweilig in ihrer Wohnung und kann ihm 1942 zur Flucht in die Schweiz verhelfen.

Als Meier, inzwischen verwitwet, schließlich gebeten wird, einer ihr fremden Jüdin zu helfen, ist sie auch dazu bereit. Im Frühjahr 1943 begleitet sie Lotte Kahle auf der gefährlichen Fahrt nach Singen am Bodensee. Dabei lernt Luise Meier Josef Höfler kennen, der mit seiner Familie in Gottmadingen an der Grenze wohnt. Höfler ist Facharbeiter bei den Aluminium-Walzwerken in Singen und deshalb nicht eingezogen. Er hat Mitleid mit den Verfolgten und ist zur Hilfe bereit, obwohl er damit auch seine Frau und die Tochter gefährdet. Josef Höfler und Luise Meier vereinbaren nun, ihre Fluchthilfe fortzusetzen.

Luise Meier begleitet die jüdischen Frauen und Männer aus Berlin häufig auf ihrer Fahrt nach Singen. Josef Höfler und seine Arbeitskollegen Willy Vorwalder und Wilhelm Ritzi sowie dessen Cousin Hugo Wetzstein bringen die Verfolgten anschließend zur unregelmäßig verlaufenden Grenze. Dort geben sie den Ortsfremden genaue Anweisungen, damit sie den Wachposten nicht begegnen. Zur Orientierung dienen auch die Lichter der Grenzgemeinden im Kanton Schaffhausen, denn in der Schweiz wird im Gegensatz zu Deutschland nicht verdunkelt. Besonders riskant ist die Flucht für jüdische Männer. Sie brauchen für die lange Zugfahrt von Berlin an die Grenze unbedingt gut gefälschte Militärpapiere, die einer Kontrolle der Feldpolizei nach Deserteuren standhalten können. Ein gescheiterter Fluchtversuch, bei dem zwei Jüdinnen der Gestapo in die Hände fallen und dann deportiert werden, führt im Mai 1944 zur Verhaftung aller Helfer.

Im Juli 1944 wird ihr Fall vom Sondergericht Freiburg an den „Volksgerichtshof“ abgegeben, wo die Anklage auf „Feindbegünstigung“ lauten sollte. Dies wird mit der Todesstrafe und lebenslanger Zuchthausstrafe bedroht. Doch zu einer Verhandlung kommt es in den Wirren der letzten Kriegsmonate nicht mehr. So erleben die Beschuldigten nach einem Jahr Haft und bangem Warten im Frühjahr 1945 ihre Befreiung.

Insgesamt können etwa 28 jüdische Frauen und Männer mit der Hilfe von Luise Meier und ihren Mithelfern in die Schweiz entkommen, darunter auch Lotte Kahle und ihr späterer Ehemann Herbert Strauss. Sie setzen sich schließlich dafür ein, dass Luise Meier und Josef Höfler 2001 von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem postum als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt werden.

Literatur:
Claudia Schoppmann: Fluchtziel Schweiz. Das Hilfsnetz um Luise Meier und Josef Höfler, in: Wolfgang Benz (Hrsg.): Überleben im Dritten Reich. Juden im Untergrund und ihre Helfer, München 2003, S. 205–219.
Franco Battel: „Wo es hell ist, dort ist die Schweiz“. Flüchtlinge und Fluchthilfe an der Schaffhauser Grenze zur Zeit des Nationalsozialismus, Zürich 2000, S. 204–215.

Glossar

  • „Feindbegünstigung“

    „Feindbegünstigung“

    Alles, was das Deutsche Reich in den Augen des Regimes während des Krieges schädigt oder dem Gegner nutzt, wird von der NS-Justiz als „Feindbegünstigung“ und damit als Landesverrat definiert. Hierunter fällt auch die Fluchthilfe. Für die Ahndung dieser Handlungen – sie werden mit der Todesstrafe und lebenslanger Zuchthausstrafe bedroht – ist der berüchtigte „Volksgerichtshof“ zuständig.

  • "Volksgerichtshof"

    "Volksgerichtshof"

    1934 errichten die Nationalsozialisten den „Volksgerichtshof“ in Berlin, um politische Gegner wegen Hoch- und Landesverrats abzuurteilen. Auch Delikte wie „Feindbegünstigung“ und „Wehrkraftzersetzung“ werden dort verhandelt. Bis 1945 fällt der „Volksgerichtshof“ 5.200 Todesurteile, die meisten seit 1942 unter dem berüchtigten Gerichtspräsidenten Roland Freisler. Rechtsmittel sind nicht zugelassen.

  • "Fabrik-Aktion"

    "Fabrik-Aktion"

    In einer reichsweiten Razzia werden am 27.2.1943 alle noch in der Rüstungsproduktion tätigen deutschen Juden festgenommen. In Berlin, wo die Zahl der jüdischen Zwangsarbeiter am höchsten ist, werden die meisten Menschen gefasst. Hier tauchen etwa 4.000 Verfolgte unter, die Gerüchte gehört haben oder gewarnt wurden. Landesweit werden rund 11.000 Juden Anfang März 1943 nach Auschwitz deportiert.