Gehetzt von Tag zu Tag 

Ilse Basch muss 1935 das Gymnasium verlassen, absolviert eine Handelsschule und arbeitet als Sekretärin. Der gelernte Innenarchitekt Werner Rewald darf nach 1933, weil er Jude ist, nur noch als Polsterer arbeiten. 1938 heiraten Ilse Basch und Werner Rewald in Berlin. Ihre gemeinsam geplante Emigration scheitert 1939 am Kriegsbeginn. Im Herbst 1939 wird Werner Rewald zu Ernteeinsätzen, später zur Zwangsarbeit bei der Deutschen Reichsbahn verpflichtet. Sein Bautruppführer Fritz Wolzenburg reklamiert ihn und bewahrt ihn so vor der Deportation. Ilse Rewald muss als Zwangsarbeiterin in einem Rüstungsbetrieb arbeiten. Im Laufe des Jahres 1942 erfahren Rewalds immer mehr über die Lager „im Osten“, wohin man die Deportierten bringt. Ihre Freunde Paul und Elli Fromm wissen von Juden, die untergetaucht leben, um nicht deportiert zu werden. Sie bieten Werner Rewald an, ihn bei sich zu verstecken. Nach langem Suchen findet Ilse Rewald Unterkunft bei Käthe und Ursula Pickardt, der christlichen Witwe eines jüdischen Arztes und ihrer Tochter.

Am 11. Januar 1943 tauchen Rewalds in die vorbereiteten Quartiere unter und  halten – so gut es geht – Kontakt miteinander. Ab Ende Februar 1943 kann Werner Rewald nicht mehr bei Fromms bleiben. Als Häuserverwalter vermittelt ihm Paul Fromm jedoch weitere Verstecke. Lange kann er nirgends bleiben – manchmal wohnt er in einer Pension, manchmal nächtigt er in einer Laube. Tagsüber verrichtet er Arbeiten aller Art, um dafür Nahrungsmittel oder ein Nachtquartier zu bekommen. Ilse Rewald  arbeitet als Haushaltshilfe oder erledigt Schreibarbeiten. Bei jedem Luftangriff ängstigen sich Ilse und Werner Rewald um einander.

Die an Tuberkulose erkrankte Lehrerin Elisabeth Litt, mit Familie Basch seit Ilse Rewalds Grundschulzeit befreundet, weiß um das gehetzte Untergrundleben der Rewalds. Elisabeth Litt schreibt regelmäßig Briefe an eine vereinbarte Adresse, schickt Lebensmittel und macht ihnen Mut, durchzuhalten. 1944 stirbt sie in einer Lungenheilstätte.

Ilse Rewalds mütterliche Freundin Elsa Chotzen und deren ältester Sohn Joseph ("Eppi") können Rewalds zwar nicht aufnehmen, weil sie selbst gefährdet sind, bewahren jedoch wichtige Papiere und Fotos von ihnen auf. Zudem können sie tagsüber jederzeit vorbeikommen und sich einige Stunden ausruhen. Der Reichsbahninspektor Fritz Wolzenburg verschafft dem untergetauchten Ehepaar echte Reichsbahnpapiere, mit denen sich vor allem Werner Rewald sicherer fühlt, weil Männer im wehrfähigen Alter häufig kontrolliert werden.

Ab November 1943 kann auch Werner Rewald bei Pickardts wohnen. Als ihre Wohnung jedoch Ende Januar 1944 bei einem Luftangriff zerstört wird, müssen Rewalds eine neue Bleibe finden. Über eine ehemalige Zwangsarbeitskollegin erfährt Ilse Rewald von dem Musikerehepaar Cornelia und Hanning Schröder. Auch sie sind in „Mischehe“ verheiratet, wagen es jedoch, Rewalds in ihrem Zehlendorfer Haus aufzunehmen. Nachdem Cornelia Schröder mit ihrer zehnjährigen Tochter Nele wegen der Luftangriffe nach Mecklenburg zieht, wird ein Wehrmachtsoffizier ins Haus eingewiesen. Ihm spielen Rewalds eine glaubwürdige andere Identität vor. Ilse und Werner Rewald überleben bei Hanning Schröder, der das Motiv seines Handelns so beschreibt: „Dem Grauen der Konzentrationslager wollte ich meine Konzentration gegenüber stellen.“

Literatur:
Ilse Rewald: Berliner, die uns halfen, die Hitlerdiktatur zu überleben, Berlin 1985.
Jochen Köhler: Klettern in der Großstadt. Geschichten vom Überleben zwischen 1933 und 1945, Berlin 1981.
Barbara Schieb: Nachricht von Chotzen. „Wer immer hofft, stirbt singend“, Berlin 2000.
Ulrich Eckhardt und  Andreas Nachama (Hrsg.): Jüdische Berliner. Leben nach der Schoa. 14 Gespräche, Berlin 2003, S. 189–207.

Glossar

  • „Mischehen“

    „Mischehen“

    Ehen zwischen Partnern jüdischer und nichtjüdischer Herkunft werden mit dem „Blutschutzgesetz“ vom 15.9.1935 verboten. Bestehende Ehen werden toleriert. Je nach Konfession der Kinder werden „privilegierte“ und „einfache Mischehen“ unterschieden. Anfangs von den Deportationen ausgenommen, wird die Situation ab 1943 unsicherer. In einigen Regionen werden „Mischehe“-Partner deportiert