Glaube und Zivilcourage 

Weder die evangelische noch die katholische Kirche in Deutschland leisten nach 1933 breiten Widerstand gegen die Judenverfolgung. Die Bekennende Kirche, die als Opposition innerhalb der Deutschen Evangelischen Kirche entsteht, lehnt es zwar ab, Christen jüdischer Herkunft auszuschließen, setzt dem NS-Regime aber keinen offenen Widerstand entgegen. Aktive Solidarität mit den „Nichtariern“ üben nur einzelne mutige Christen beider Konfessionen. Lediglich die kleine „Religiöse Gesellschaft der Freunde“ (Quäker) ruft ihre Mitglieder im April 1933 zur unterschiedslosen Hilfe für alle Opfer des NS-Regimes auf. Das Internationale Quäker-Büro in Berlin nimmt sich der Inhaftierten an und wird zur Anlaufstelle für Verfolgte, die Rat in ihrer Not und in Auswanderungsfragen suchen.

Die Kirchengemeinden sind mit den Sorgen jener Mitglieder konfrontiert, die nach der rassistischen NS-Ideologie als „Juden“ gelten. Der St.-Raphaels-Verein, der seit 1871 katholische Auswanderer unterstützt, und der Caritas-Verband richten sich ab 1933/34 auf die Betreuung von Katholiken jüdischer Herkunft ein. Hilfen für die weit zahlreicheren evangelischen „nichtarischen“ Christen kommen langsamer in Gang. Nach mehreren Einzelinitiativen, wie z.B. von Pfarrer Hermann Maas in Heidelberg, wird Ende 1938 in Berlin die „Kirchliche Hilfsstelle für evangelische Nichtarier“ mit 22 Regionalstellen unter der Leitung von Pfarrer Heinrich Grüber eröffnet. 1938 entsteht auch das „Hilfswerk beim Bischöflichen Ordinariat Berlin“, in dem sich Margarete Sommer der Katholiken jüdischer Herkunft annimmt. Das „Büro Grüber“ muss nach der Verhaftung Heinrich Grübers im Dezember 1940 schließen, während das katholische Hilfswerk bis Kriegsende besteht.

Einige Geistliche treten mutig gegen die NS-Verbrechen auf. Clemens August Graf von Galen, Bischof von Münster, verurteilt in seiner Predigt vom 3. August 1941 den nationalsozialistischen Mord an Kranken und Behinderten. Der Berliner Domprobst Bernhard Lichtenberg wird 1941 verhaftet, weil er im Gottesdienst für die verfolgten Juden gebetet hat. Einzelne fordern erfolglos offenen Protest ihrer Kirchen gegen die Judenverfolgung. Unbeachtet bleiben die Denkschriften der Lehrerin Elisabeth Schmitz von 1935 und 1936 an die Bekennende Kirche, in denen sie zur Solidarität mit allen Opfern der Judenverfolgung aufruft. Ebenso ergeht es Margarete Sommer, die ab 1942 der Leitung der katholischen deutschen Bischöfe Berichte über die Ziele der Deportationen und erste Nachrichten über Massenmorde vorlegt.

Auch nach Beginn der Deportationen, als der Kontakt zu Juden verboten wird, leisten Einzelne Hilfe, die sich am Rand der Legalität bewegt oder eindeutig illegal ist. Wie die Quäkerin Margarethe Lachmund schicken einige Briefe und Pakete in Lager und Ghettos in den deutsch besetzten Gebieten. Die Katholikin Gertrud Luckner nutzt ihre Stellung als Beauftragte des Freiburger Erzbischofs für die Unterstützung Verfolgter. Wegen ihrer Hilfe für versteckte Juden wird sie von 1943 bis 1945 im KZ Ravensbrück inhaftiert.

Literatur:
Else Behrend-Rosenfeld und Gertrud Luckner (Hrsg.): Lebenszeichen aus Piaski. Briefe Deportierter aus dem Distrikt Lublin 1940–1943, München 1970.
Angela Borgstedt: „... zu dem Volk Israel in einer geheimnisvollen Weise hingezogen“. Der Einsatz von Hermann Maas und Gertrud Luckner für verfolgte Juden, in: Michael Kißener (Hrsg.): Widerstand gegen die Judenverfolgung, Konstanz 1996, S. 227–259.
Achim von Borries: „Treue Hilfe“. Die Quäkerin Margarethe Lachmund (1896–1985), in: Zeitgeschichte Regional. Mitteilungen aus Mecklenburg-Vorpommern, 3. Jg., H. 1 (Juli 1999), S. 67–72.
Manfred Gailus: Mir aber zerriss es das Herz. Der stille Widerstand der Elisabeth Schmitz, Göttingen 2010.
Wolfgang Gerlach: Als die Zeugen schwiegen. Bekennende Kirche und die Juden. Mit einem Vorwort von Eberhard Bethge, 2., bearbeitete und ergänzte Auflage, Berlin 1993.
Joachim Kuropka (Hrsg.): Bischof Clemens August Graf von Galen. Menschenrechte – Widerstand – Euthanasie – Neubeginn, Münster 1998.
Jana Leichsenring: Die Katholische Kirche und "ihre Juden". Das "Hilfswerk beim Bischöflichen Ordinariat Berlin" 1938-1945, Berlin 2007.
Hartmut Ludwig: An der Seite der Entrechteten und Schwachen. Zur Geschichte des „Büros Pfarrer Grüber“ (1938 bis 1940) und der Ev. Hilfsstelle für ehemals Rasseverfolgte nach 1945, hrsg. von der Ev. Hilfsstelle für ehemals Rasseverfolgte, Berlin 2009.
Otto Ogiermann: Bis zum letzten Atemzug. Das Leben und Aufbegehren des Priesters Bernhard Lichtenberg, Leipzig 1983.
Hans-Josef Wollasch: Gertrud Luckner. „Botschafterin der Menschlichkeit", Freiburg u.a. 2005.

Glossar

  • Bekennende Kirche

    Bekennende Kirche

    Diese innerkirchliche Opposition gegen die Gleichschaltung der Evangelischen Kirche mit dem NS-Regime wird 1934 gegründet. Sie lehnt den Ausschluss von Christen jüdischer Herkunft aus der Kirche ab. In allen Landeskirchen außer Württemberg, Bayern und Hannover kommt es zur Spaltung in regimetreue „Deutsche Christen“ und Anhänger der Bekennenden Kirche. Etliche ihrer Pfarrer werden inhaftiert.

     

     

  • Quäker

    Quäker

    Die ab 1746 in England entstandene „Religiöse Gesellschaft der Freunde“ (Quäker) ist eine christlich fundierte Laiengemeinschaft. Ihre Lehre vom „inneren Licht“ Gottes in jedem Menschen verpflichtet sie zu Gewaltlosigkeit, ungeteilter Menschenliebe und Hilfe für Notleidende. Der 1925 gegründete deutsche Zweig mit fast 300 Mitgliedern wird von 1933-1945 überwacht, sein Eigentum z.T. beschlagnahmt.