Mit falschen Papieren 

Der deutschnational eingestellte Kaufmann Gerd Ramm kauft in den 1930er Jahren mehrere Firmen in Berlin und Norddeutschland – teilweise von Juden, die aus Deutschland fliehen. Er gelangt zu Wohlstand. In Berlin stellt er Papier und kriegswichtige Verdunkelungsanlagen her. In seinen Werkstätten in Berlin-Prenzlauer Berg arbeiten auch jüdische Zwangsarbeiter. Doch ist Ramm ein unbeirrbarer Gegner der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Als die Zwangsarbeiter von einer Razzia bedroht sind, warnt er sie und bietet ihnen Verstecke an. So kann sich Konrad Friedländer mit Ramms Hilfe drei Jahre lang in Berlin verbergen. Auch dessen Vater Bernhard Friedländer wird von Ramm geschützt, ebenso der jüdische Textilkaufmann Alfred Boehm und Heinz Jacobius, ein junger Mann, der schon seit 1941 auf der Flucht vor der Gestapo ist. Ramm versteckt sie und andere in seiner Firma und in seiner Wohnung in Berlin-Charlottenburg, die er mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter teilt. Einen ständigen Helfer haben die Verfolgten auch in Ramms Freund Werner Gerth.

Ramm opfert einen Teil seines Vermögens, um seinen Schützlingen falsche Papiere zu beschaffen. Wie die meisten Juden, die in Deutschland untertauchen, leben sie nicht ständig im Verborgenen, sondern versuchen, mit falscher Identität einen „normalen“ Lebenswandel vorzutäuschen. Dafür benötigen sie entsprechende Personalpapiere. Männer laufen noch stärker als Frauen Gefahr, bei einer plötzlichen Ausweiskontrolle entdeckt zu werden, da die Feldpolizei ständig nach möglichen Deserteuren fahndet.
Viele Untergetauchte versuchen, sich einen Postausweis zu beschaffen. Das mit einem Passfoto versehene Dokument für den Empfang vertraulicher Postsendungen wird auch außerhalb der Post als Ausweis anerkannt. Man muss jedoch einen festen Wohnsitz nachweisen, um ihn zu erhalten. Ramm arrangiert es, dass Alfred Boehm ein Postausweis als „Albert Schmidt“ mit Ramms Privatadresse ausgestellt wird.

Scharfen Kontrollen halten Postausweise nicht Stand. Andere Papiere werden auf dem Schwarzmarkt verkauft, für besonders hohe Preise auch falsche Dokumente der Wehrmacht. Ramms Schützlinge bekommen Kontakt zu einem bestechlichen Büroangestellten im Oberkommando der Wehrmacht. Dieser stellt für je 6.000 Reichsmark (umgerechnet etwa 21.000 Euro) Ausweiskarten für angebliche Zivilmitarbeiter der Behörde aus und verlängert sie regelmäßig. Heinz Jacobius tarnt sich auf diese Weise und sorgt dafür, dass auch Konrad Friedländer solche Dokumente erhält. Gerd Ramm bezahlt für beide die geforderten Bestechungssummen. Friedländer verwendet die Personalien seines nichtjüdischen Freundes Rudolf Kopp, der ihm bereits mehrere seiner Ausweise überlassen hat und zustimmt, dass sich Friedländer damit auch andere Papiere besorgt.

Heinz Jacobius wird Ende 1944 festgenommen und in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo er überlebt. Die anderen Männer überstehen die NS-Zeit in Berlin. Mindestens zehn Menschen werden von Gerd Ramm gerettet. Er erhält dafür 1959 das Bundesverdienstkreuz. Seit Mai 2009 ist Gerd Ramm als „Gerechter unter den Völkern“ von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem anerkannt.