Netzwerk der Hilfe 

Im Juli 1942 muss Elisabeth Abegg miterleben, wie ihre langjährige Freundin Anna Hirschberg, eine Christin jüdischer Herkunft, aus Berlin deportiert wird. Die über 60-Jährige hat sich nicht zugetraut, „illegal“ zu leben, und Abeggs Bitten, sich bei ihr zu verstecken, ausgeschlagen. Sie wird 1944 in Auschwitz ermordet, was Elisabeth Abegg erst Jahre später erfährt. Nach der Deportation der Freundin entschließt sich Abegg, möglichst viele andere Verfolgte zur Flucht zu drängen und ihnen die nötigen Hilfen anzubieten.

Es ist nicht das erste Mal, dass sie sich dem Regime widersetzt. 1933 arbeitet sie als Lehrerin am Luisen-Oberlyzeum, einem sozialdemokratisch geprägten Mädchengymnasium in Berlin. Mit einigen Kolleginnen und älteren Schülerinnen setzt sich die linksliberale Demokratin gegen die nationalsozialistischen Eingriffe in der Schule und die Diskriminierung jüdischer Schülerinnen zur Wehr. 1935 wird Abegg an eine andere Berliner Schule strafversetzt, dort wegen regimekritischer Äußerungen denunziert und 1941 zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Zu dieser Zeit tritt sie der „Religiösen Gesellschaft der Freunde“ (Quäker) bei, zu deren Prinzipien Gewaltlosigkeit und tätige Nächstenliebe gehören.

Der widerständige Freundeskreis bleibt auch nach der Zeit an der Schule bestehen. Im Haus von Richard Linde, dem Vater einer der rebellischen Schülerinnen, hören Abegg und andere englische Rundfunksendungen. Dadurch erfahren sie ab 1942 von den deutschen Verbrechen in den besetzten Gebieten, was ihren Willen, zumindest einzelne Verfolgte zu retten, nur bestärkt.

Eine der ersten, die bei Elisabeth Abegg Schutz finden, ist die jüdische Kindergärtnerin Liselotte Pereles, die im Februar 1943 mit ihrer Pflegetochter Susanne Manasse vor der Deportation flieht. Abegg und ihre Schwester Julie nehmen sie heimlich in ihrer Drei-Zimmer-Wohnung in Berlin-Tempelhof auf. Auch Abeggs ehemalige Kollegin Elisabeth Schmitz, die früheren Schülerinnen Hildegard Knies und Lydia Forsström sowie Bertha Becker, eine nichtjüdische Verwandte Manasses, helfen den beiden Geflüchteten. Zugleich versuchen Hildegard Knies und ihre Tante Christine Engler, die dreiköpfige jüdische Familie Goldstein zu retten, und auch das Ehepaar Collm mit seiner sechsjährigen Tochter Susanne findet Helfer unter Abeggs Freunden. Richard Linde nimmt in seiner Villa mehrere Verfolgte auf. Die Zahl der Hilfesuchenden wächst. Alle Beteiligten versuchen, weitere Unterstützer zu gewinnen. Auch außerhalb Berlins werden Quartiere gefunden, etwa bei der Familie Bunke in Ostpreußen und der Schneiderin Margrit Dobbeck im Elsass.

Bis 1945 verstecken sich zwölf Verfolgte in Elisabeth und Julie Abeggs Wohnung. Einige „illegal“ lebende Kinder erhalten hier heimlich Schulunterricht. Insgesamt können Elisabeth Abegg und ihre Freunde weit mehr Menschen helfen: Schätzungsweise 80 Personen finden innerhalb dieses Netzwerks illegale Quartiere und werden mit Nahrung, Geld, Kleidung und falschen Papieren unterstützt. Die meisten werden gerettet.

Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem ehrt Elisabeth Abegg, Hildegard Arnold-Knies und Lydia Forsström später als „Gerechte unter den Völkern“.

Literatur:
Liselotte Pereles: Die Retterin in der Not, in: Kurt R. Grossmann: Die unbesungenen Helden. Menschen in Deutschlands dunklen Tagen, Berlin, Wien 1984, S. 85–93.
Martina Voigt: Grüße von „Ferdinand“. Elisabeth Abeggs vielfältige Hilfe für Verfolgte, in: Beate Kosmala und Claudia Schoppmann (Hrsg.): Sie blieben unsichtbar. Zeugnisse aus den Jahren 1941 bis 1945, Berlin 2006,
S. 104–116.

Glossar

  • Bekennende Kirche

    Bekennende Kirche

    Diese innerkirchliche Opposition gegen die Gleichschaltung der Evangelischen Kirche mit dem NS-Regime wird 1934 gegründet. Sie lehnt den Ausschluss von Christen jüdischer Herkunft aus der Kirche ab. In allen Landeskirchen außer Württemberg, Bayern und Hannover kommt es zur Spaltung in regimetreue „Deutsche Christen“ und Anhänger der Bekennenden Kirche. Etliche ihrer Pfarrer werden inhaftiert.

     

     

  • Quäker

    Quäker

    Die ab 1746 in England entstandene „Religiöse Gesellschaft der Freunde“ (Quäker) ist eine christlich fundierte Laiengemeinschaft. Ihre Lehre vom „inneren Licht“ Gottes in jedem Menschen verpflichtet sie zu Gewaltlosigkeit, ungeteilter Menschenliebe und Hilfe für Notleidende. Der 1925 gegründete deutsche Zweig mit fast 300 Mitgliedern wird von 1933-1945 überwacht, sein Eigentum z.T. beschlagnahmt.