Odyssee durch Deutschland 

Als der jüdische Journalist Wilhelm Meyer, bis 1933 Redakteur des Berliner Pressehauses Ullstein, im Herbst 1942 stirbt, raten Freunde seiner Witwe zur Flucht in den Untergrund. Der 13-jährige Sohn des Ehepaares ist 1939 nach England entkommen. Besonders Alois Florath, Sozialdemokrat und Pressezeichner, drängt Susanne Meyer zum Untertauchen. An seinem Stammtisch hat er von einem Polizeikommissar gehört, dass Juden in Polen durch Abgase getötet würden.

Friedrich Kroner, ehemaliger Chefredakteur bei Ullstein, macht Susanne Meyer mit Dr. Eduard Stadtler, einem früheren Politiker der rechtsgerichteten Deutschnationalen Volkspartei bekannt, der nach 1933 eine unrühmliche Rolle im Ullstein-Verlag gespielt hat. 1943 wird er für Susanne Meyer zum Lebensretter. Stadtler, der inzwischen Kontakt zu konservativen Gegnern des NS-Regimes hat, vermittelt der Witwe ihr erstes Versteck bei einem Bekannten.

Am Morgen des 7. Januar 1943 verlässt Susanne Meyer ohne „Judenstern“ ihre Wohnung und fährt mit dem Zug in Richtung Küstrin. Dies ist der Beginn einer Odyssee, die sie zunächst in die Gegend von Landsberg an der Warthe (heute Gorzów Wielkopolski in Polen) führt. An der Bahnstation Lipke wird sie von dem Gutsbesitzer Hans-Wolfgang Lent und seiner Frau Ingeborg abgeholt. Das Ehepaar, Eltern von drei Kindern, nimmt die ihnen unbekannte Berliner Jüdin auf. Als es sechs Wochen später zu einer Verhaftung im Umfeld des Gutsherrn kommt, flüchtet Susanne Meyer nach Berlin, wo ihr Stadtler erneut hilft. Durch ihn kommt sie in Düsseldorf bei mehreren katholischen Familien unter, Verwandten von Stadtlers Frau.

Nach der erneuten Rückkehr nach Berlin gelangt Susanne Meyer im Sommer 1943 durch Alois Floraths Hilfe nach Kagar, einem Dorf bei Rheinsberg in Brandenburg, das seit 1943 auch für nichtjüdische NS-Gegner Zufluchtsort ist. Der Landwirt Georg Steffen, wie seine hugenottischen Vorfahren Dorfschulze von Kagar, bietet zusammen mit seiner Frau Elise während des Krieges politisch und rassistisch Verfolgten Schutz in seinem Gasthof mit Pension. Dort halten sich zeitweilig auch Otto Suhr, später Regierender Bürgermeister von Berlin, und seine jüdische Frau Susanne auf. Susanne Meyer wird ebenfalls immer wieder dort aufgenommen. Vorübergehend versteckt sie sich außerdem im Wochenendhaus ihres früheren Berliner Wohnungsnachbarn Arthur Veit am Mellensee. Einige Monate kommt sie bei der Ärztin Dr. Mathilde Stoltenhoff in Berlin-Lichterfelde unter, der sie im Haushalt und in der Praxis hilft.

Gegen Ende des Krieges nimmt auch Herta Zerna, eine Berliner Journalistin, die bis 1933 der SPD angehört hat, die Verfolgte in ihrem kleinen Haus in Kagar auf, das sie mit ihrer Mutter bewohnt. Dort erlebt Susanne Meyer die Befreiung. Kurz danach kehrt sie nach Berlin zurück, wo sie nach sechs Jahren endlich ihren Sohn wiedersieht, der nun britischer Soldat ist. Sie heiratet ihren Helfer Arthur Veit.

Georg Steffen wird im Juli 1945 nach einer Denunziation im sowjetischen Speziallager Jamlitz bei Lieberose interniert. Er stirbt dort im Juni 1946 im Alter von 55 Jahren.

Literatur:
Beate Kosmala: Zuflucht für Verfolgte: Kagar bei Rheinsberg, in: Peter Böthig und Stefanie Oswald (Hrsg.): Juden in Rheinsberg. Eine Spurensuche, Karwe 2005, S. 163–170.
Beate Kosmala: Solidarität mit verfolgten Kollegen – Die Rettung von Susanne Meyer, in: Egon Bannehr,  Bernd-Ingo Drostel u.a. (Hrsg.): Die Eule lässt Federn. Das Ullsteinhaus 1926-1986. Setzer, Drucker, Journalisten, 2. überarbeitete Auflage, Berlin 2012, S. 94–100.

Glossar

  • „Feindbegünstigung“

    „Feindbegünstigung“

    Alles, was das Deutsche Reich in den Augen des Regimes während des Krieges schädigt oder dem Gegner nutzt, wird von der NS-Justiz als „Feindbegünstigung“ und damit als Landesverrat definiert. Hierunter fällt auch die Fluchthilfe. Für die Ahndung dieser Handlungen – sie werden mit der Todesstrafe und lebenslanger Zuchthausstrafe bedroht – ist der berüchtigte „Volksgerichtshof“ zuständig.

  • NSDAP

    NSDAP

    1920 verkündet Adolf Hitler in München das antidemokratische und rassistische Programm der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (1919 als Deutsche Arbeiterpartei gegründet). Politische Bedeutung erlangt die vom „Führer“ autoritär organisierte NSDAP in der Wirtschafts- und Staatskrise um 1930. Nach 1933 ist sie einzige Partei. Bis 1945 werden 8,5 Mio. Deutsche „Parteigenossen“.

  • SPD

    SPD

    Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, hervorgegangen aus der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts, wird 1890 gegründet. Die SPD ist nach 1918 eine Säule der Weimarer Demokratie. 1933 lehnt ihre Reichstagsfraktion Hitlers „Ermächtigungsgesetz“ einstimmig ab. Danach werden führende SPD-Mitglieder verfolgt, viele emigrieren.