Retter in Uniform 

Der Chemie-Ingenieur Karl Plagge aus Darmstadt wird nach Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges als Hauptmann der Wehrmacht am 1. Juli 1941 in Wilna (Litauen) eingesetzt. Der 44-Jährige hat die Aufgabe, einen Heereskraftfahrpark (HKP) aufzubauen und zu leiten. Er ist zwar seit 1931 NSDAP-Mitglied, hat sich aber spätestens 1938 vom Nationalsozialismus abgewandt.

In Wilna wird Plagge Zeuge von Massenerschießungen von Juden und der Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung unter dem brutalen deutschen Besatzungsregime. Er versucht, die jüdischen Zwangsarbeiter menschlich zu behandeln; die Arbeitsplätze im HKP sind daher begehrt.

Vor der Räumung des Ghettos im Herbst 1943 erreicht Plagge, inzwischen zum Major befördert, bei der SS-Führung, dass er für seine Zwangsarbeiter ein separates Lager einrichten kann. Mitte September 1943 fährt er nachts mit Lastwagen an das Tor des Ghettos und lässt zahlreiche HKP-Arbeiter mit Frauen und Kindern herausholen und zum neuen Lager fahren, das aus zwei großen alten Wohnblocks besteht. Mehr als 1.000 Menschen gelangen dorthin. Plagge, der bis Anfang Juli 1944 Lagerkommandant bleibt, schützt die Insassen so gut er kann vor dem Terror der SS und versucht sie ausreichend zu ernähren. Die massiven Gebäude ermöglichen den Bau von Verstecken, wodurch sich ein Teil der Gefangenen später retten kann.

Zu den Überlebenden, die in Plagge ihren Retter sehen, gehören Ida und Samuel Esterowicz mit ihrer Tochter Perela (später Pearl Good). Am 6. September 1941 müssen sie auf Befehl der Deutschen ins Ghetto Wilna ziehen, wo sie in qualvoller Enge leben. Die Eltern haben Glück im Unglück: Sie sind Zwangsarbeiter des HKP. Im September 1943 gelangt die Familie daher in Plagges Arbeitslager. Fieberhaft baut der Vater nachts mit anderen Männern ein Versteck. Seit dem 1. Juli 1944 harrt die Familie tagelang unter schrecklichen Umständen darin aus, bis sie nach dem endgültigen Abzug der Deutschen das Lager verlassen kann.

Auch der 15-jährige Simon Malkes und sein Vater arbeiten als Autoelektriker im HKP. Familie Malkes gehört im September 1943 ebenfalls zu den Insassen des HKP-Lagers. Wie Samuel Esterowicz baut Simons Vater nachts an einem Versteck. Im Juni 1944 bringt Major Plagge die Mutter in ein Krankenhaus, wo sie bis zur Befreiung bleiben kann. Am 1. Juli 1944 gelingt es Plagge, vor der bevorstehenden Räumung des Lagers durch die SS zu warnen. Simon und sein Vater verstecken sich daraufhin in ihrer Nische. Auch sie überleben.

Unter deutscher Besatzung werden bis zur Ankunft der Roten Armee Mitte Juli 1944 von 220.000 litauischen Juden mehr als 90 Prozent ermordet. Plagge schreibt am 21. Juni 1944 an seine Frau: „Weder unter meinen Vorgesetzten noch unter meinen Untergebenen ist ein Mensch, mit dem ich mich aussprechen kann.“ Als eines der Motive für sein Handeln gibt er an: „Weil ich mich – gerade als ehemaliger Nationalsozialist – verantwortlich fühle für alles, was geschieht.“

Dank der Bemühungen von Überlebenden wird Karl Plagge, der 1957 gestorben ist, 2005 von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet.

Literatur:
Marianne Viefhaus: Für eine Gemeinschaft der „Einsamen unter ihren Völkern“. Major Plagge und der Heereskraftfahrpark 562 in Wilna, in: Wolfram Wette (Hrsg.): Zivilcourage. Empörte, Helfer und Retter aus Wehrmacht, Polizei und SS, Frankfurt/Main 2004, S. 97–113.
Michael Good: Die Suche. Karl Plagge, der Wehrmachtoffizier, der Juden rettete. Ins Deutsche übertragen von Jörg Fiebelkorn, Weinheim und Basel 2006.
Samuel Bak: In Worte gemalt. Bildnis einer verlorenen Zeit. Mit einem Vorwort von Amoz Oz. Ins Deutsche übertragen von Andreas Nohl, Weinheim und Basel 2007.
Simon Malkès: Der Gerechte aus der Wehrmacht. Das Überleben der Familie Malkes in Wilna und die Suche nach Karl Plagge. Aus dem Französischen übersetzt und herausgegeben von Beate Kosmala, Publikationen der Gedenkstätte Stille Helden, Bd. 4, Berlin 2014.