Rettung für Flüchtling aus Majdanek 

Robert Eisenstädt, ein junger Techniker aus Hanau, will sich 1942 verstecken, um der Deportation zu entkommen. Nach dem Novemberpogrom 1938 ist er bereits im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert gewesen. Doch als seine Familie den Deportationsbefehl erhält, bekommen Robert Eisenstädts nichtjüdische Bekannte, die ihn aufnehmen wollten, Angst und sagen plötzlich ab. Am 30. Mai 1942 wird er mit seiner Mutter, vier Geschwistern und seinem kleinen Neffen nach Lublin in Polen verschleppt.

Einige Wochen später gelingt ihm die Flucht aus dem Konzentrationslager Majdanek bei Lublin. Über Radom und Breslau schlägt er sich nach Frankfurt am Main durch, wo er sich bei seiner jüdischen Verlobten Eva Müller verbergen kann. Auch Freunde in Hanau helfen ihm. Ende 1942 kommt Hans Waider, Soldat der Luftwaffe, auf Heimaturlaub in die Stadt. Er ist der Freund von Robert Eisenstädts Schwester Marta und Vater ihres Kindes. Als er erfährt, dass Marta mit seinem Sohn deportiert worden ist, will der verzweifelte Soldat nun wenigstens dem Bruder seiner Freundin helfen. Er schenkt ihm seine Stiefel und stiehlt in einem Hanauer Wehrmachtsbüro den Ausweis eines Zivilangestellten, in den das Foto des Untergetauchten eingearbeitet wird.

Inzwischen erwartet Eva Müller ein Kind von Robert Eisenstädt. Die gelernte Korsettnäherin ist Ende der 1920er Jahre mit ihrer Familie aus der Tschechoslowakei nach Frankfurt gekommen. Als ausländische Jüdin ist sie vorläufig von der Deportation verschont geblieben. Sie steht in Verbindung mit ihrem Frankfurter Arzt Dr. Fritz Kahl und dessen Frau Margarete, die sie nun um Hilfe bittet. Das Ehepaar, Eltern von vier Kindern, plant mit anderen die Flucht des Paares in die Schweiz und sorgt für falsche Papiere. Vorher nehmen sie Robert Eisenstädt einige Wochen in ihrem Haus auf.

In dieser Zeit ist Kahls 16-jähriger Sohn Eugen mit seiner Schulklasse als Luftwaffenhelfer außerhalb der Stadt eingesetzt. Als er unverhofft nach Hause kommt, vertrauen ihm die Eltern an, dass sie einen Juden in ihrem Haus verstecken. Gegenüber seinen Freunden muss Eugen eisern schweigen.

Am 21. Februar 1943 gelingt es Eva Müller und Robert Eisenstädt, die Grenze in die Schweiz zu überwinden. Beim Überklettern des Stacheldrahtzauns zieht sich die Schwangere Verletzungen an den Beinen zu. Robert Eisenstädt, der im KZ schwer misshandelt worden ist, erholt sich nur langsam von seinen Verletzungen und den Strapazen der Flucht. Am 8. Juli 1943 wird ihre Tochter Maria Adina (genannt Maja) in Basel geboren.

Evas Müllers Schwester Berta, die in Frankfurt zurückgeblieben ist, wird im März 1943 aufgefordert, sich bei der Gestapo zu melden, da sie deportiert werden soll. In letzter Minute bittet sie ebenfalls Dr. Kahl um Hilfe. Margarete und Fritz Kahl verstecken Berta Müller nun einige Wochen in ihrem Haus. Der Arzt besorgt einen falschen Ausweis, mit dem sie nach Wien entkommt. Dort kann sie unter großen Gefahren unerkannt überleben.
2006 ehrt die israelische Gedenkstätte Yad Vashem Fritz und Margarete Kahl als „Gerechte unter den Völkern“.

Literatur:
Beate Kosmala: Robert Eisenstädts Flucht aus dem KZ Majdanek. Über Frankfurt am Main in die Schweiz, in: Wolfgang Benz (Hrsg.): Überleben im Dritten Reich. Juden im Untergrund und ihre Helfer, München 2003,
S. 287-298.
Beate Kosmala und Revital Ludewig-Kedmi: Rettung eines Flüchtlings aus Majdanek: Margarete und Fritz Kahl, in: Beate Kosmala und Revital Ludewig-Kedmi: Verbotene Hilfe. Deutsche Retterinnen und Retter während des Holocaust, mit CD-ROM und Audio-CD, Zürich, Donauwörth 2003.

Glossar

  • Bekennende Kirche

    Bekennende Kirche

    Diese innerkirchliche Opposition gegen die Gleichschaltung der Evangelischen Kirche mit dem NS-Regime wird 1934 gegründet. Sie lehnt den Ausschluss von Christen jüdischer Herkunft aus der Kirche ab. In allen Landeskirchen außer Württemberg, Bayern und Hannover kommt es zur Spaltung in regimetreue „Deutsche Christen“ und Anhänger der Bekennenden Kirche. Etliche ihrer Pfarrer werden inhaftiert.

     

     

  • Novemberpogrom 1938

    Novemberpogrom 1938

    Nach dem Attentat eines 17-jährigen polnischen Juden auf einen deutschen Diplomaten in Paris initiiert Propagandaminister Joseph Goebbels im Deutschen Reich antijüdische Pogrome. Am 9. und 10.11.1938 setzen SA-Männer und NSDAP-Mitglieder hunderte Synagogen in Brand, zerstören Geschäfte und plündern Wohnungen. Über 100 Menschen werden getötet. Etwa 30.000 jüdische Männer werden in KZ eingeliefert.