Spontane Hilfe 

Ende 1942 beobachtet Maria Nickel, Mutter von zwei kleinen Jungen, in der Nähe ihrer Wohnung in Berlin-Kreuzberg Zwangsarbeiterinnen, die mit dem „Judenstern“ gekennzeichnet sind. Eine von ihnen ist schwanger. Spontan beschließt die gläubige Katholikin, der Frau zu helfen und folgt ihr in die Fabrik. Der Inhaber erlaubt Nickel, dass sie die Jüdin anspricht.

Ruth Abraham reagiert anfangs erschrocken, da Juden der Kontakt mit Nichtjuden verboten ist. Auch ihr Mann Walter Abraham ist misstrauisch. Doch bald darauf erscheint Maria Nickel mit Lebensmitteln bei Abrahams. Die Frauen kommen sich näher. Eines Tages bittet Ruth Abraham ihre neue Bekannte um Hilfe bei der Beschaffung falscher Papiere. Schon längere Zeit plant sie mit ihrem Mann, vor der Deportation zu flüchten, wenn ihr Kind geboren ist. Maria Nickel besorgt nun einen Postausweis auf ihren eigenen Namen, in den Ruths Bild eingefügt wird. Walter Abraham gibt sie den Führerschein ihres Mannes Willi, der Kraftfahrer ist.

Ende Januar 1943, wenige Tage nach der Geburt der Tochter Reha, tauchen Ruth und Walter Abraham mit dem Kind unter. Für viel Geld haben sie die Adresse einer alten Frau auf dem Lande bei Landsberg an der Warthe (heute Gorzów Wielkopolski in Polen) erworben, die ihnen eine Hütte vermietet. Dort leben sie einige Zeit ohne fremde Hilfe. Als Abrahams eines Tages von einer Polizeistreife kontrolliert werden, legen sie die Papiere der Nickels vor, die zur Überprüfung einbehalten werden. Danach gelingt ihnen die Flucht nach Berlin, und sie können Maria Nickel telefonisch warnen. Als diese von der Gestapo verhört wird, hat sie zwar große Angst, kann sich aber geschickt herausreden. Mit der Drohung, ihr die Kinder wegzunehmen, falls man ihr „Judenbegünstigung“ nachweisen könne, wird sie entlassen. Trotz dieser Einschüchterung hilft Maria Nickel den Verfolgten unbeirrt weiter. Immer wieder nimmt sie Reha auf. Einmal lässt sie das kranke Kind in einer Klinik auf ihren Namen behandeln. Für Familie Abraham bleibt Maria Nickel die wichtigste Helferin.

Als Abrahams im Frühsommer 1943 fieberhaft ein neues Versteck suchen, erinnern sie sich an einen freundlichen Gemüsehändler und seine Frau aus Berlin-Charlottenburg, die sie 1939 kennen gelernt haben. Auf Walter Abrahams Bitte hin sind Bodo und Reinholde Goede spontan bereit, den Verfolgten bei sich aufzunehmen. Die kinderlose ältere Frau behandelt ihn wie einen Sohn. Ab und zu kann auch Ruth Abraham mit dem Kind zu Besuch kommen. Sie lebt mit der kleinen Tochter unter falschem Namen in einem Zimmer, das sie in Neudamm, einem Ort östlich der Oder mieten kann. Walter Abraham besucht sie dort trotz aller Gefahr immer wieder und versorgt sie mit Geld aus Schwarzmarktgeschäften.

Nach der Befreiung, die er mit seiner Familie in Neudamm erlebt, wird Walter Abraham in einem sowjetischen Lager interniert. Nur der Beharrlichkeit seiner Frau verdankt er seine Entlassung. Die Familie kann gemeinsam nach Berlin zurückkehren. 1948 lassen sie sich in New York nieder. Ruth Abraham und Maria Nickel bleiben Zeit ihres Lebens eng befreundet. Maria Nickel wird 1968 von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet.

Literatur:
Ruth und Maria. Eine Freundschaft auf Leben und Tod (Berlin 1942–1945). Aufgezeichnet von Reha und Al Sokolow, mit einer Einführung von Beate Kosmala, Berlin 2006.