Verfolgte helfen Verfolgten 

Die Familie des bekannten sozialdemokratischen Publizisten und Politikers Ernst Heilmann lebt in Berlin-Kreuzberg. Wenige Tage nach dem Verbot der Sozialdemokratischen Partei am 22. Juni 1933 wird Ernst Heilmann, zuletzt Reichstagsabgeordneter der SPD, festgenommen. Nach sieben Jahren Haft, Folter und Demütigungen in verschiedenen Konzentrationslagern wird er am 3. April 1940 im KZ Buchenwald ermordet.

Nach seiner Verhaftung leben seine Ehefrau Magdalena und die vier zwischen 1920 und 1927 geborenen Kinder Eva, Peter, Ernst Ludwig und Beate in materieller Not und ständiger Sorge. Als Angehörige eines politischen Häftlings und wegen der jüdischen Herkunft Ernst Heilmanns werden sie mehrfach diskriminiert. Die Kinder werden in der Schule verunglimpft und in ihrer Berufswahl beschränkt.

Heilmanns werden von Oppositionellen in ihrem großen Freundes- und Bekanntenkreis unterstützt und erleben im engsten Umfeld auch wiederholt Verfolgungen. Im Wissen um die nationalsozialistischen Verbrechen und trotz ihrer eigenen Gefährdung ist es für Magdalena Heilmann und ihre Kinder selbstverständlich, in der Wohnung in der Kreuzberger Blücherstraße 66 immer wieder Menschen aufzunehmen, die Schutz vor der Gestapo suchen. Auch dabei helfen ihnen Sozialdemokraten, ehemalige Gewerkschaftsfunktionäre und andere politisch Verfolgte.

Eva und Ernst Ludwig Heilmann organisieren Lebensmittelspenden für die Untergetauchten. Peter Heilmann schließt sich der Jugendgruppe der Berliner Quäker an. Die kleine Glaubensgemeinschaft lehnt rassistische Ausgrenzungen ab, so dass auch Jugendliche jüdischer Herkunft hier gleichberechtigt Freunde finden können. Peter Heilmann knüpft etliche Beziehungen zu Oppositionellen, wodurch er Unterkünfte und falsche Papiere für Verfolgte besorgen kann.

Zwischen 1942 und 1945 nehmen Heilmanns mehrere geflohene Juden zumindest zeitweise in ihrer Wohnung auf: ihre aus München entkommene Freundin Else Behrend-Rosenfeld, Toni Boronow-Kaliski, Lotte Kahle, Herbert Strauss, die Jugendlichen Walter Joelson und Ernst Schwerin, sowie für länger Zeit auch das Ehepaar Eva und Martin Deutschkron.

Lotte Kahle und kurze Zeit nach ihr auch Herbert Strauss können mit Hilfe des Fluchthelferkreises um Luise Meier und Josef Höfler im Frühjahr 1943 in die Schweiz entkommen. Hella Gorn, Peter Heilmanns nichtjüdische Freundin aus der Quäker-Gruppe, hält den Kontakt zu den Verbindungsleuten aufrecht. So können mit ihrer Hilfe auch weitere Schützlinge Heilmanns auf diesem Weg in Sicherheit gebracht werden.

Im Oktober 1944 in ein Arbeitslager eingewiesen, flieht Peter Heilmann im Februar 1945 von dort in die Illegalität. Magdalena Heilmann wird einige Male von der Gestapo vorgeladen, aber nicht verhaftet. Sie, ihre Kinder sowie die meisten ihrer Schützlinge überleben die nationalsozialistische Verfolgung.

Literatur:
Else R. Behrend-Rosenfeld: Ich stand nicht allein. Leben einer Jüdin in Deutschland 1933 bis 1944, München 1988.
Herbert A. Strauss: Über dem Abgrund. Eine jüdische Jugend in Deutschland 1918–1943, Berlin 1999.
Lotte Strauss: Über den grünen Hügel. Erinnerungen an Deutschland, Berlin 1997.
Hans-Rainer Sandvoß: Widerstand in Kreuzberg, Berlin 1996, S. 74–76 und 253–255.

Glossar

  • Quäker

    Quäker

    Die ab 1746 in England entstandene „Religiöse Gesellschaft der Freunde“ (Quäker) ist eine christlich fundierte Laiengemeinschaft. Ihre Lehre vom „inneren Licht“ Gottes in jedem Menschen verpflichtet sie zu Gewaltlosigkeit, ungeteilter Menschenliebe und Hilfe für Notleidende. Der 1925 gegründete deutsche Zweig mit fast 300 Mitgliedern wird von 1933-1945 überwacht, sein Eigentum z.T. beschlagnahmt.

  • Nürnberger „Rassengesetze“

    Nürnberger „Rassengesetze“

    Auf dem NSDAP-Parteitag werden am 15.9.1935 antijüdische Gesetze verkündet. Das „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ verbietet künftig Eheschließungen zwischen Juden und Nichtjuden. Sexualverkehr wird als „Rassenschande“ gewertet. Das „Reichsbürgergesetz" degradiert Juden zu Bürgern zweiter Klasse und ist die Basis für weitere judenfeindliche Verordnungen.