Verlangen Sie „Tegel“ 

Im April 1933 übernimmt der Theologe Harald Poelchau das Amt des Seelsorgers im Berliner Gefängnis Tegel. Von Beginn an ist er entschiedener Gegner des NS-Regimes und später Mitglied der Widerstandsgruppe „Kreisauer Kreis“. Als 1941 die Deportationen beginnen, unterstützt er Fluchten von Juden in den Untergrund, indem er Unterkünfte in seinem großen Bekanntenkreis vermittelt. Seine Frau Dorothee steht ihm unermüdlich zur Seite. Ebenso ist seine langjährige Freundin Gertie Siemsen an der heimlichen Hilfe beteiligt.

Die Flüchtlinge, die ihn kontaktieren möchten, sollen ihn in seinem Büro im Gefängnis Tegel anrufen und nur sprechen, wenn er sich dort mit dem unverfänglichen Tarnwort „Tegel“ meldet. Doch nicht am Telefon wird das Wichtige besprochen, sondern persönlich in seinem Dienstzimmer. Er bestellt die Verängstigten in seine Sprechstunde, wohin sie der Pförtner, der die Anmeldungsliste kennt, durch etliche verriegelte Türen führt. Nun können sie frei sprechen. Poelchau vermittelt die Untergetauchten an zuverlässige Freunde oder Bekannte, die selbst nicht gefährdet sind.

Im März 1943 wendet sich die untergetauchte Familie Latte aus Breslau an ihn. Poelchau bringt Manfred Latte bei einem ehemaligen politischen Häftling unter, seine Frau Margarete kann bei einer Pfarrerswitwe bleiben, und Sohn Konrad rät er, sich an den Organisten des Krematoriums Wedding zu wenden. Durch Konrad Latte kommt Poelchau in Kontakt mit der oppositionellen Journalistin Ruth Andreas-Friedrich. Sie kooperieren von nun an bei der Hilfe für untergetauchte Juden.

Als Poelchau vom Schicksal der untergetauchten Geschwister Rita und Ralph Neumann erfährt, die seit Mitte 1943 bei der Pfarrfrau Agnes Wendland „illegal“ leben, bietet er Ralph Neumann an, für ihn als Fahrradbote zu arbeiten. Im Februar 1945 festgenommen, können Ralph und Rita Neumann Ende März 1945 aus dem Sammellager fliehen und retten sich zu Harald Poelchau.

Nachdem Leontine Cohn mit ihrer Tochter Rita nach der „Fabrik-Aktion“ am 27. Februar 1943 bei dem Ehepaar Poelchau untertaucht, erklärt sich Willi Kranz bereit, zusammen mit seiner Lebensgefährtin Auguste Leißner das neunjährige Mädchen aufzunehmen. Willi Kranz ist Kantinenpächter der Gefängnisse Tegel und Plötzensee. Poelchau kennt ihn lange und schätzt den „stillen Hüter der Menschlichkeit“. Auch Konrad Latte wird von Kranz und Leißner oft aufgenommen, verköstigt und an zuverlässige Helfer weiterempfohlen.

Im Sommer 1944 braucht das zwölfjährige jüdische Mädchen Evelyne Schwarz ein sicheres Versteck. Poelchau bringt sie zu seinen Freunden, der Fürsorgerin Hildegard und dem Reformpädagogen Hans-Reinhold Schneider nach Berlin-Heiligensee, wo sie ein halbes Jahr bleiben kann.

Die untergetauchte Säuglingsschwester Edith Bruck erfährt durch ihre Freundin Hilde Benjamin von Harald Poelchau. Sie kann bei Poelchaus Freunden Yvonne und Peter Knoblauch in Berlin-Grunewald unter falschem Namen das Haus hüten. Als sie dort verhaftet wird, warnt Poelchau ihren anderen Helfer, den im kommunistischen Untergrund aktiven Dr. Kurt Hess.

Bis zum Kriegsende hilft Harald Poelchau zahllosen Untergetauchten. Trotz seiner Zugehörigkeit zum Kreisauer Kreis, seiner Hilfe für politische Häftlinge und seiner Unterstützung für „illegale“ Juden bleibt er von der Gestapo verschont.

Literatur:
Harald Poelchau: Die Ordnung der Bedrängten. Erinnerungen des Gefängnisseelsorgers und Sozialpfarrers (1903–1972), Teetz 2004.
Klaus Harpprecht: Harald Poelchau. Ein Leben im Widerstand, Reinbek 2004.
Henriette Schuppener: „Nichts war umsonst“ – Harald Poelchau und der deutsche Widerstand. Schriftenreihe der Forschungsgemeinschaft 20. Juli, Band 7, Berlin 2006.

Glossar

  • Kreisauer Kreis

    Kreisauer Kreis

    Ab 1940 sammeln Helmuth James Graf von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg Regimegegner unterschiedlicher gesellschaftlicher Herkunft und geistiger Traditionen um sich, um Neuordnungspläne für ein nach-nationalsozialistisches Deutschland zu entwerfen. Später zum Teil am Umsturzversuch des 20. Juli 1944 beteiligt, wird der Widerstandskreis gnadenlos verfolgt.