Versteckt im Brotwagen 

Als Edith Felix, eine junge Jüdin tschechischer Herkunft, von der Zwangsarbeit in ihr Zimmer in Berlin-Friedrichshain zurückkehrt, erfährt sie, dass die Gestapo ihre jüdische Vermieterin abgeholt hat und fürchtet, selbst deportiert zu werden. Sie flieht aus der Wohnung und bittet Ruth Schneider in Berlin-Karow, die Schwester eines Freundes, die sie als entschiedene Regimegegnerin kennt, um ihre Hilfe.

Edith Felix kommt so in einen Kreis von Helfern, die im kommunistischen Widerstand aktiv sind. Ruth Schneider wohnt im Haus ihrer Kollegin Käthe Schulz. Beide gehören einer betrieblichen Widerstandszelle in den C. Müller Gummiwerken an und haben Erfahrung mit der Beschaffung illegaler Quartiere. Schon seit 1933 leben etliche Funktionäre der Arbeiterbewegung auf der Flucht und müssen sich verstecken. Schulz und Schneider nehmen Edith Felix auf und bitten auch Verwandte um Mithilfe.

Edith Felix kann sich so abwechselnd bei den beiden Frauen und im Haus der Familie von Käthe Schulz’ Schwester Hertha Hellige in Berlin-Frohnau verstecken. Hier leben die Ehepaare Hertha und Heinrich Hellige sowie Martha und Walter Hellige mit insgesamt fünf Kindern unter einem Dach. Als Mitglieder der seit 1933 verbotenen Kommunistischen Partei gehören Helliges einer Untergrundzelle an.

Walter Hellige ist wegen politischen Widerstands schon 1935 zu 15 Monaten Haft verurteilt worden. Er darf nicht länger als Bankkaufmann arbeiten und liefert bis Kriegsende Brot aus. Sein Lieferwagen ist für die Untergrundarbeit eine große Hilfe: Unauffällig kann er Kurierfahrten unternehmen, brisantes Material transportieren und Menschen unbemerkt von einem Ort zum anderen bringen. So wechselt auch Edith Felix ihre Verstecke. Die letzte Zeit des Krieges verbringt sie bei Else Seibler, einer Verwandten von Ruth Schneider, und deren Freund Bernhard Reiß in Berlin-Moabit.

Edith Felix ist nicht die einzige, die in diesem Kreis versteckt wird. Helliges Freunde und politische Mitstreiter Gertrud und Karl Neuhof verbergen in der Nachbarschaft einen kommunistischen Funktionär. Er wird entdeckt und die Gestapo nimmt auch seine Helfer fest. Karl Neuhof, der Jude ist, wird erschossen, seine nichtjüdische Frau muss für fast ein Jahr ins Gefängnis.

1944 kommen Edith Felix’ Helfer mit der kommunistischen Widerstandsorganisation um Franz Jacob und Anton Saefkow in Verbindung, die die versprengten linken Untergrundgruppen in der Stadt zusammenführen soll. Käthe Schulz und Ruth Schneider stellen ihr Haus für Geheimtreffen zur Verfügung. So lernen sie Gerhard Danelius, einen jungen Kommunisten aus jüdischer Familie kennen. Er lebt seit 1942 auf der Flucht und kann nun häufiger bei den beiden Frauen unterkommen. Als sie ihrer Firma ins Vogtland folgen müssen, überlassen sie ihm ihr Haus, wo er mit seiner Freundin bis zur Befreiung einen sicheren Unterschlupf hat.

Edith Felix verlässt im April 1945 ihr Hinterhausversteck in Moabit. Sie schlägt sich nach Prag durch, um das Schicksal ihrer Verwandten zu klären. Sie überlebt.

Literatur:
Ursel Hochmuth: Illegale KPD und Bewegung „Freies Deutschland“ in Berlin und Brandenburg 1942–1945. Biographien und Zeugnisse aus der Widerstandsorganisation um Saefkow, Jacob und Bästlein, Berlin 1998.
Peter Neuhof: Als die Braunen kamen. Eine Berliner jüdische Familie im Widerstand, Bonn 2006.
Bund der Antifaschisten Berlin-Pankow e.V. (Hrsg.), Inge Lammel (Red.): Jüdisches Leben in Pankow. Eine zeitgeschichtliche Dokumentation, Berlin 1993, S. 170–172.