Vom Todestransport geflohen 

Die jüdischen Brüder Michael und Jurek Rozenek wachsen in der Nähe von Krakau auf. Nach der Besetzung Polens durch die Wehrmacht wird ihre Familie Ende 1939 ins Ghetto von Lodz und im August 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt. Während ihre Eltern und eine Schwester dort ermordet werden, kommen die Brüder nach Tschechowitz, einem Außenlager von Auschwitz-Monowitz, wo sie bis zur völligen Erschöpfung Zwangsarbeit leisten müssen.

Ende 1944 wird Tschechowitz vor der herannahenden Roten Armee geräumt. Die Häftlinge werden von der SS zu Fuß nach Gleiwitz getrieben. Dort wird ein Transport in das KZ Buchenwald zusammengestellt, wo die Insassen halb erfroren ankommen. Nach wenigen Tagen, im Januar 1945, werden Rozeneks in das Buchenwald-Außenlager Rehmsdorf gebracht. Dort müssen die Häftlinge unter katastrophalen Bedingungen schwerste Arbeiten verrichten.

Als Anfang April 1945 alle Gefangenen von Rehmsdorf in offenen Güterwaggons, ohne Nahrung und Trinkwasser, in Richtung Theresienstadt gefahren werden, können Rozeneks im Erzgebirge vom Zug springen und in den Wald entkommen. Dort treffen sie am 16. April zufällig auf Arno Bach aus Niederschmiedeberg. Als Heizer in einer Papierfabrik ist er vom Militärdienst freigestellt. Bach hat Mitleid mit den völlig entkräfteten Männern, gibt ihnen zu essen und verspricht, abends zurückzukommen. „Noch immer waren wir misstrauisch, da wir es kaum für möglich hielten, dass es noch deutsche Menschen gab, die uns wirklich helfen wollten“, schreibt Michael Rozenek 1989 über die erste Begegnung mit ihrem Lebensretter.

Zuhause berät sich der ehemalige Sozialdemokrat und NS-Gegner Bach mit seiner Frau Margarete. Auch sie ist zur Hilfe bereit. Erst vor kurzem haben sie erfahren, dass ihr ältester Sohn als Soldat umgekommen und der jüngere vermisst ist. Das Ehepaar versteckt die jüdischen Brüder in einem Schuppen hinterm Haus. Sie müssen sehr vorsichtig sein, denn in der Nachbarschaft wohnen Nationalsozialisten. Margarete Bach tut so, als ob sie Holz aus dem Schuppen holen wolle und packt Essen in einen Korb, den sie für die Gartenarbeit benutzt.

Auch Bachs im selben Haus wohnende Schwester Luise Griesmann und ihr Mann Alfred sowie eine weitere Mitbewohnerin, die Witwe Frieda Löser, beteiligen sich an der Hilfe. In der Nacht leert Arno Bach den Toiletteneimer und informiert die Brüder über den Frontverlauf. Gefährlich ist auch, dass Michael Rozenek lungenkrank ist und laut hustet.

Am 8. Mai werden die Brüder durch die sowjetische Armee befreit. Sie haben Mühe, den Kommandoführer davon zu überzeugen, dass sie KZ-Häftlinge waren. Auf ihren Vorschlag hin wird Arno Bach von den Sowjets als Bürgermeister eingesetzt. Bis 1951 leben Rozeneks in Berlin; dann wandern sie nach Buenos Aires aus, wo eine Schwester von ihnen lebt. Miguel Rozenek, wie er sich in Argentinien nennt, besucht seine Lebensretter in Niederschmiedeberg 1987 und 1989 und initiiert ihre Ehrung durch die israelische Gedenkstätte Yad Vashem.

Literatur:
Michael Rozenek: „Wie wird es einmal enden?“ Bericht des ehemaligen jüdischen Häftlings Michael Rozenek über seine Rettung, Weimar 1991.