Von Pfarrhaus zu Pfarrhaus 

Max Krakauer, 1888 geboren, ist seit 1918 Leiter einer großen Filmverleihfirma in Leipzig. Dort lernt er auch seine Frau Karoline Rosenthal, genannt Ines, kennen. Nach 1933 muss der jüdische Geschäftsmann seine Firma verkaufen und übt dann eine schlecht bezahlte Beschäftigung als Reisevertreter aus. Krakauers ziehen 1939 nach Berlin. Alle Auswanderungspläne scheitern. Nur ihre einzige Tochter Inge gelangt 1939 nach England.

Am 29. Januar 1943 entgehen Krakauers, die zuvor Zwangsarbeit leisten müssen, knapp der Deportation. In ihrer Not wenden sie sich an einen Bekannten, Hans Ackermann. Der evangelische Christ bringt sie zu Pfarrer Wilhelm Jannasch, der sich in der Bekennenden Kirche sehr engagiert. Jannasch rät ihnen, sich im ländlichen Pommern zu verstecken, da in Berlin schon viele Juden untergetaucht sind, und vermittelt den Kontakt zu dortigen Pfarrhäusern der Bekennenden Kirche. Hans Ackermann stellt seinen abgelaufenen Postausweis zur Verfügung, in den er ein Foto von Max Krakauer einsetzt. Den fehlenden Teil des Stempels zieht er nach. Mit diesem primitiv gefälschten Ausweis gehen Krakauers am 9. März 1943 auf eine gefährliche Reise, denn die Züge werden oft polizeilich kontrolliert. Als sich keine weiteren Verstecke in Pommern finden lassen, müssen sie im Sommer 1943 nach Berlin zurückkehren.

Pfarrer Theodor Burckhardt vermittelt sie anschließend nach Stuttgart zu Pfarrer Kurt Müller. Dieser baut 1943, gemeinsam mit einzelnen Geistlichen der evangelischen Landeskirche, die der Bekennenden Kirche nahe stehen, ein Hilfsnetz auf. Mehr als 40 Pfarrhäuser und deren Vertraute bilden diese württembergische „Pfarrhauskette“, durch die insgesamt etwa 13 Verfolgte überleben können. Einige der beteiligten Geistlichen stehen bereits wegen ihrer kritischen Haltung unter Beobachtung der Gestapo, wie Theodor Dipper aus Reichenbach, Richard Gölz aus Wankheim und Otto Mörike aus Flacht.

Um das Risiko für die Helfer möglichst klein zu halten, können Max und Ines Krakauer, die sich „Hans und Grete Ackermann“ nennen, immer nur kurz in einem Quartier bleiben. Sie werden meist als „Bombengeschädigte“ aus Berlin ausgegeben und nach Wochen oder Tagen „weitergereicht“. Ihre Anwesenheit fällt in den Pfarrhäusern, die ohnehin häufig Gäste haben, weniger auf. Nach über 800 Tagen auf der Flucht und mehrmals voneinander getrennt, werden Ines und Max Krakauer am 21. April 1945 von der US-Armee befreit. Nach dem Krieg bleiben sie in Stuttgart.

Die Tatsache, dass sie ihr Überleben der mutigen Hilfe zahlreicher Deutscher verdanken, hat es ihnen wohl ermöglicht, nach dem Krieg in Deutschland zu bleiben. Fast alle Verwandten sind in Konzentrationslagern umgekommen. Die Stationen ihres „illegalen“ Lebens beschreibt Max Krakauer in seinem Buch "Lichter im Dunkel“, das bereits 1947 erscheint.

Literatur:
Max Krakauer: Lichter im Dunkel. Flucht und Rettung eines jüdischen Ehepaares im Dritten Reich. Neu herausgegeben von Gerda Riehm und Jörg Thierfelder, Stuttgart 2007.
Peter Haigis: Sie halfen Juden. Schwäbische Pfarrhäuser im Widerstand, Stuttgart 2007.

Glossar

  • Bekennende Kirche

    Bekennende Kirche

    Diese innerkirchliche Opposition gegen die Gleichschaltung der Evangelischen Kirche mit dem NS-Regime wird 1934 gegründet. Sie lehnt den Ausschluss von Christen jüdischer Herkunft aus der Kirche ab. In allen Landeskirchen außer Württemberg, Bayern und Hannover kommt es zur Spaltung in regimetreue „Deutsche Christen“ und Anhänger der Bekennenden Kirche. Etliche ihrer Pfarrer werden inhaftiert.

     

     

  • "Bombengeschädigte"

    "Bombengeschädigte"

    Ab 1943 verlieren immer mehr Menschen durch Luftangriffe ihre Wohnungen. Viele untergetauchte Juden versuchen diesen Umstand zu nutzen. Sie geben sich als „Bombengeschädigte“ aus und erhalten von den Behörden, die die Angaben aufgrund vernichteter Unterlagen nicht mehr überprüfen können, „arische“ Papiere oder Lebensmittelmarken. Dies verbessert die Überlebenschancen der Verfolgten deutlich.